Auf der Martens Ranch in Saskatchewan, Kanada

Old West Cowboy Adventure

„Nun seid ihr dran. Nehmt euch die beiden weiß gescheckten Kälber vor. Viel Glück!“ Curt und die anderen Cowboys warten schmunzelnd auf die Show der drei Nachwuchscowgirls aus Germany.

Nach einer kurzen strategischen Besprechung galoppieren wir langsam auf die sieben skeptisch drein blickenden Kälber zu. Mit vereinten Kräften gelingt es uns, die beiden „Opfer“ von der Herde abzusondern. Doch das ist nur die halbe Miete. Viel komplizierter ist es, die zwei Kälber in die vorgesehene Umzäunung zu treiben – und das auch noch gleichzeitig. Nach 2:45 Minuten ist es geschafft.

Wir sind ganz stolz, auch wenn wir beim sogenannten Team-„Cattle-Penning“ zwei Minuten länger gebraucht haben als die Profis. Vom Ehrgeiz und vom Cowboy-Fieber gepackt, versuchen wir unser Glück gleich ein zweites Mal. Der Applaus signalisiert: Diesmal hat es besser geklappt. 1:15 Minuten sei für Anfänger eine gute Zeit, meinen Curt und die anderen Cowboys anerkennend. Wir geben das Lob an unsere Pferde weiter: die seien einfach „great“.

„Quarterhorses sind eben Profis, wenn es um Rinder und Kälber geht.“, bestätigt Curt. Sie besäßen einen „Rinderverstand“. Der 41jährige muss es wissen. Er züchtet diese Pferderasse seit Jahren. 40 Tiere, alle registriert und mit Papieren, stehen bei ihm auf der Weide, darunter drei Hengste. Einer davon ist ein braun-weiß gezeichneter Paint. „Sein Nachwuchs ist gerade besonders gefragt.“, erzählt Curt, „Paints sind bei uns zurzeit groß in Mode.“

Durchschnittlich sechs Fohlen pro Jahr werden auf der Martens Ranch geboren. Im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren beginnt Curt mit dem Training. Vierjährig sind sie fertig ausgebildet. Auf dem Markt bekommt er für ein voll ausgebildetes Quarterhorse im Schnitt 2.000 EUR. Ein Pferd wie seinen bildschönen Palomino würde er jedoch unter 3.000 EUR nicht hergeben.

Der „Rinderverstand“, die Zuverlässigkeit und Wendigkeit seiner Quarterhorses zeigen sich erneut bei einem Ritt auf die Weiden. Wenn wir wollten, könnten wir ihm und seinen Leuten dabei helfen, eine seiner Rinderherden von einer Weide zur anderen zu treiben, schlägt Curt uns vor. Natürlich wollen wir. Mit dem Lasso werden die Pferde eingefangen, danach von uns gesattelt und aufgezäumt. Das Aufsatteln erfordert ungewohnte Muskelkraft, denn die Arbeitssättel der Cowboys wiegen einige Kilos. Doch Übung macht auch hier den Meister.

Draußen im Gelände werden wir zunächst auf eine Geduldsprobe gestellt. Von dem gesuchten Rindernachwuchs keine Spur. Die Herde scheint sich in Luft aufgelöst zu haben. Die Ranch von Curts Schwiegereltern umfasst 8000 Acre Land, davon sind 6000 Acre eigener Besitz, der Rest ist gepachtet.

8000 Acre entsprechen 3,2 Quadratkilometern. Groß genug, damit sich dort 1.200 Rinder nicht gegenseitig auf die Beine treten. Und aus unserem kleinen Ausflug ein vierstündiger Ritt wird.

Auf der Suche nach der richtigen Herde führt Curt unsere siebenköpfige Gruppe durch eine wunderschöne Prärielandschaft. Grasland soweit das Auge reicht, nur ab und zu unterbrochen durch Büsche oder einen kleinen See. In meiner Phantasie verwandeln sich die friedlich weidenden Rinder in Büffel – eine Reise in die Vergangenheit. Es riecht nach Freiheit und Abenteuer, nach „Der mit dem Wolf tanzt“ und „Marlboro-Country“. Im Galopp reiten wir über die leicht geschwungenen Hügel.

Auf der Kuppe gibt Curt das Zeichen zum Halt. Er hat auf der anderen Seite einen Coyoten entdeckt. Mr. Coyote ist offensichtlich nicht sein Freund. „Er und sein Rudel haben mich schon manches Kalb gekostet.“, erklärt Curt uns. Der Coyote scheint den Unterton vernommen zu haben, jedenfalls macht er sich eilig aus dem Staube.

Die nächsten Rinder, die vor unseren Augen auftauchen, scheinen die richtigen zu sein. Auf Burts Kommando schwärmen wir aus, kreisen die 100köpfige Herde ein und treiben sie kontrolliert im Schritt und im Trab in die angegebene Richtung. Gelegentlich büchst eines der Tiere aus, für uns eine willkommene Gelegenheit, es „cowboylike“ im Galopp zur Herde zurückzutreiben.

Die Pferde sind Profis, reagieren auf die kleinsten Hilfen. Als Amateur-Cowgirls stürzen wir sie mit unseren manchmal widersprüchlichen Kommandos allerdings gelegentlich in Verwirrung. Sie ertragen es mit bewundernswertem Gleichmut.

Nach getaner Arbeit reiten wir zufrieden zur Ranch zurück. Nebenbei kontrollieren wir einige Meter Zaun. Auch Curt scheint der Ausritt mit uns Spaß gemacht zu haben. „Es ist gut, auch mal wieder erfahrene Reiter auf der Ranch zu haben.“, meint er mit strahlendem Cowboylächeln. Der Großteil der Gäste seien Anfänger, vor allem, wenn es sich um Kanadier oder Amerikaner handle. Die Besucher aus Europa brächten in der Regel schon Reiterfahrung mit.

Curt und seine Familie bieten seit 1994 Urlaub auf ihrer Ranch an, die auf der Strecke zwischen Regina und Cypress Hills nördlich der Stadt Swift Current liegt. „Schuld“ daran ist ein Freund. Er hatte einen amerikanischen Kinofilm gesehen, in dem ein paar Großstadtjungs aus Abenteuerlust an einem Rindertrieb teilnahmen – mit den zu erwartenden Verwicklungen. „Brad brachte die Idee auf und wir dachten, o.k., lass es uns probieren. Wenn es klappt, bauen wir die Sache aus, wenn nicht, war es einen Versuch wert.“, erinnert sich Curt. Inzwischen hat sich die Familie zum Weitermachen entschlossen.

Die Familie – das ist eigentlich ein ganzer Clan. Zu ihm gehören Curt Chickoski (diesen unaussprechlichen Nachnamen verdankt er polnischen Vorfahren), seine Frau und ihre vier Kinder sowie die Schwiegereltern zwei Schwager und zwei Neffen. Nicht zu vergessen zahlreiche Hunde. Familienanschluss ist unter solchen Umständen vorprogrammiert.

Langeweile gibt es auf der Martens Ranch auch sonst nicht. Wer möchte, kann sich mit den Cowboys im Lassowerfen üben – als „Ersatzkuh für Anfänger“ dient ein Strohballen mit Holzkopf – oder seine ersten Sporen im Barrel-Racing verdienen.

Anfänger, die zum ersten Mal in den Sattel steigen, erhalten auf der Ranch innerhalb einer Woche eine solide Basisausbildung. Die „Umgewöhnungszeit“ vom Englischreiter zum „Cowboy“ beträgt nach Curts Erfahrung durchschnittlich drei Tage.

Auch für weniger erfahrene Reiter, die noch aufs „Kühetreiben“ oder eigenständige Erkundungen im Cowboysattel verzichten müssen, sind die Ausritte auf der Ranch erlebnisreich. Besonders morgens und abends begegnen einem Tiere, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt, seien es Coyoten, Adler oder einheimisches Wild. Führt die Tour durch den tief abfallende Swift Current Creek, gibt es als Zugabe noch eine wildromantische Kulisse.

Wer abends sein müdes Haupt auf das Kopfkissen legt, tut dies zurzeit noch in einem eher spartanischen Ambiente. Während des „Brandings“ der Kälber dient die Holzbaracke Aushilfscowboys als Unterbringung.

Noch in diesem Jahr soll den Gästen ein eigenes Domizil zur Verfügung stehen. Doch auch dann wird die obligatorische Feuerstelle vor dem Haus nicht fehlen. Denn nach einem Tag in frischer Luft, gibt es nicht Schöneres als unter sternklarem Sternenhimmel zu grillen und von dem nächsten Ausritt in einer faszinierenden Landschaft zu träumen.

Wir danken Autorin Karin Walz aus Berlin für Ihren Beitrag!


4. Dezember 2013

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