Das Naadamfest in der Mongolei

Das Naadamfest in der Mongolei

Das Lager reicht soweit man sieht. Jurten, blaue und rote Zelte in loser Folge bis zum Horizont. Überall wimmelt es von Reitern und Pferden. Auf struppigen, kleinen Pferdchen galoppieren sie quer durch das Lager, liefern sich kleine Rennen oder treiben Pferdeherden zum Fluss.

Seit einer Woche wächst das Lager, kommen täglich neue Familien mit ihren Pferden. Zum Teil sind sie seit Monaten unterwegs, legen bis zu 1000 km zurück, um am Nadaam teilzunehmen, dem Fest zu Ehren Dschingis Khans. – Was da wie die Beschreibung aus vergangenen Zeiten klingt, spielt sich in unseren Tagen alljährlich in Juli ab. Dann begeht das mongolische Volk im ganzen Land ein Fest zu Ehren Dschingis Khans mit Bogenschießen, Ringkämpfen und Pferderennen.

Die Mongolei ist etwas 5x so groß wie Deutschland, zählt jedoch nur rund 2 Millionen Einwohner und knapp 4 Millionen Pferde. Ein Viertel der Bevölkerung lebt in der Hauptstadt Ulan Bator. Der Rest verteilt sich auf die kleineren Städte oder lebt als Nomaden auf der Steppe. Obwohl das kommunistische Regime versuchte, dem Naadamfest eine andere Bedeutung zu geben (Tag der Staatsgründung mit Militärparaden etc.), blieben die Traditionen bis heute erhalten.

Die Ringkämpfe werden von Männern ausgetragen, am Bogenschießen nehmen Kinder, Frauen und Männer teil, aber die Pferderennen sind die Domäne der Kinder und nach wie vor der wichtigste Teil des Festes. Es gibt Rennen zwischen 10 und 30 km, wobei man wissen muss, dass zuerst vom Ziel zum Startpunkt geritten wird (meist in schnellem Trab oder langsamen Galopp) und von dort das eigentliche Rennen zurück zum Ausgangspunkt startet. Die Distanzen zählen also doppelt. Die Länge des Rennens ist abhängig vom Alter der Pferde (2-6 Jahre) und der Kinder (4-12 Jahre). Man stelle sich also ein vierjähriges Kind vor, das ein Rennen über 15 Kilometer reitet… hier lernen die Kinder erst Reiten und dann Laufen.

Die Pferde werden schon seit Wochen trainiert und vorbereitet. Man legt ihnen Decken auf, damit sie schwitzen und abnehmen, denn sie sollen kein Gramm Fett am Körper haben. Zu Fressen gibt man ihnen nur nachts und auch da nur ein spezielles Futter.

Am Vorabend des Nadaam herrscht im Zeltlager vor der Stadt Ulan Bator reges Treiben, beginnen die letzten Vorbereitungen für die Rennen. Da werden die Pferde geputzt und mit Kräutern abgerieben, man hält ihnen Weihrauch vor die Nase und murmelt dabei glückbringende Gebete.

Die Kinder sind mit Feuereifer dabei, für sie bedeutet das Rennen eine Reifeprüfung. Mädchen und Jungen proben in kleinen Wettrennen die Technik, wobei Eltern und größere Geschwister die letzten Tipps geben. Viele Reiten aber auch einfach ohne Sattel im Schritt durch das Lager und singen Lieder für ihr Pferd. So machen sie sich Mut für den morgigen Tag.

Am Morgen brechen die Kinder in aller Frühe auf. Sie haben sich festliche Kleidung angezogen, die Schweife der Pferde sind in der Mitte kunstvoll zusammengebunden, die Schöpfe sind zu einem Pusche hochgewunden. Glücksbringer zieren die Zaumzeuge. Ich stehe an der Ziellinie und warte.

Es ist ein Rennen für erwachsene Pferde über 25 km. 680 Pferde sind im Rennen, und die Kinder haben das Ziel vor etwa 5 Stunden verlassen. Entlang der Ziellinie hat sich eine lange Reihe Zuschauer gebildet, die meisten zu Pferd. Dicht an dicht stehen die Reiter und bilden eine Mauer entlang der Absperrung, die zum Ende immer schmaler wird.

Dort warten die Eltern auf ihre Kinder. Die Ziellinie ist durch eine hoch gespannte Schnur markiert. Aus dem Lautsprecher gegenüber dem Richterturm tönt Musik, ab und zu eine Ansage über den Verlauf des Rennens. Dann wird es still, man hört das Schreien der Kinder, die ihre Pferde anfeuern und das Geräusch unterschlagener Hufe. Eine Staubwolke kündigt die ersten Reiter an. Zwei Jungs und ein Mädchen überqueren die Ziellinie, begleitet vom Jubel der Zuschauer. Immer noch feuern die Kinder die Pferde an, fast mechanisch bewegt sich die Hand mit der Gerte nach rechts und links.

Dann kommt der nächste Trupp. Einige kommen im Trab, sind am Ende ihrer Kräfte. Die Polizisten, die vor der Ziellinie stehen, feuern die Kinder an, einer gibt einem erschöpften Pferd einen Klaps, damit es im Galopp die Ziellinie passiert.

Die Worte unseres Dolmetschers fallen mir ein … ich war sehr müde, völlig erschöpft, als ich ankam. Meine Augen waren voller Staub, konnte kaum etwas sehen. Aber ich war auch stolz, dass ich es geschafft hatte. Es war ein besonderer Tag. Manche Pferde kommen auch ohne Reiter, einige Kinder zu Fuss , das Pferd am Zügel. Aber das spielt keine Rolle. Wer das Rennen beendet, der bringt Ansehen für die Familie. Nicht aufgeben, das ist es was zählt und was Reiter und Pferde hier lernen.

War es das, was einst die Unbesiegbarkeit der Mongolen ausmachte und ganz Europa vor Ihnen erzittern ließ? … Dann sind alle Reiter vorbei, die Zuschauermenge löst sich auf. Der Staub verschluckt das Durcheinander von Reitern, Pferden und Fußgängern. Am Zelt kümmern sich die Eltern um Pferde und Kinder, nicht alle kehren zurück ins Lager. Nicht alle sind angekommen und so machen sich die Angehörigen zu Pferd auf den Weg um sie zu suchen.

Von einem Hügel schaue ich noch einmal auf das Zeltlager. Die Fabrikschornsteine der Stadt im Hintergrund wirken wie Ungetüme aus einer anderen Welt. In ein paar Tagen werden die Menschen zurückgekehrt sein in die Steppe und dieser Platz wird wieder leer sein. Für dieses Jahr ist das Naadam vorbei.

Vielen Dank an die Autorin Daniela Bayerl aus Berlin!


4. Dezember 2013

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