Durch die Wüste Marokkos

Durch die Wüste Marokkos

„Dem europäischen Winter entfliehen!“ hatte im Prospekt gestanden. Und es hielt, was es versprach: Als wir an einem Februartag in Fes aus der Maschine stiegen erwarteten uns Sonne und ein wolkenloser Himmel. Die Temperatur betrug etwa 20°C, so dass ich neben meinem Gepäck auch bald noch Jacke, Pulli und Schal in der Hand hielt.

Am Flughafen erwartete uns Azzedine, Besitzer eines vornehmen Reitclubs in Fes, mit seinen Helfern. Gepäck aufladen, einsteigen und los ging es zu einer kleinen Stadtrundfahrt. Im Schritttempo fuhren wir durch die engen Gassen. Vor den Hauswänden hatten Händler ihre Stände aufgebaut und boten ihre Waren feil, Früchte, Gewürze und Stoffe, der Farbe nach sortiert. Beladene Esel und Mulis kamen uns entgegen, bahnten sich einen Weg durch die Menschen. Kinder rannten neben den Autos her.

Ein Kontrast zu den belebten Gassen war der Königspalast, dessen Eingang von zwei Soldaten bewacht wurde. Einen kleinen Stopp gab es noch bei einem Tuchhändler, wo wir unter Azzedines Anleitung ein langes, schmales Stück Stoff kauften, das uns als Turban dienen sollte.

Zum Abschluss besuchten wir noch Azzedines Reitclub. Natürlich zeigte er uns seine Pferde, wahre Prachtstücke, reine Araber, reine Berber und Berberkreuzungen, aber die besten, so sagte er, seien bereits in der Oase Meski.

Mit zwei Autos fuhren wir dann in Richtung Süden. Es war eine lange Fahrt, und als wir in Meski ankamen, war es schon dunkel, Wir bogen von der Straße ab und hielten inmitten der Oase. Eine griffbereite Taschenlampe wäre jetzt nützlich gewesen, aber so tasteten wir uns in die Richtung, die man uns gewiesen hatte, bis uns Azzedines Angestellte mit Taschenlampen und Fackeln entgegen kamen.

In einem großen Beduinenzelt war der Tisch schon gedeckt und nach dem Abendessen machten wir noch schnell einen kurzen Rundgang zu den Pferden. Hengste und Stuten waren einzeln angepflockt und Azzedine nannte jedes mit Namen und erzählte von seinem Charakter. Dann hieß es schlafen gehen und jeder suchte sich in dem großen Zelt ein Plätzchen.

Der Ruf des Muezzin schallte von der Stadt herüber und weckte uns am nächsten Morgen. Während wir frühstückten, waren die Marokkaner bereits fleißig dabei, die Pferde zu satteln. Anschließend erfolgte die Lektion: „Wie wickele ich korrekt einen Turban?“, die unter den Marokkanern viel Heiterkeit hervorrief. Dann bekam jeder sein Pferd zugeteilt.

Meine Reisegefährtin sollte die Berberstute Venus sein, ein Dunkelfuchs mit heller Mähne. Zwei Runden drehten wir ums Lager, um die Reihenfolge festzulegen. Dann ging es los.

Zunächst mussten wir einige Male den Fluss überqueren, bis wir auf einen Weg am Rande der Oase gelangten. Rechts von uns erstreckte sich ein kahles Felsental mit Felsformationen in allen Farben, links, ganz eng begrenzt durch die Reichweite des Flusses, die Oase. Ab und zu führte uns der Weg auch durch ein kleines Dorf. Die Leute waren freundlich und auch die Kinder waren nicht aufdringlich, sondern begrüßten uns lediglich, ohne gleich um Geld oder Süßigkeiten zu bitten. Hierher war der Tourismus also noch nicht vorgedrungen.

Gegen Abend verließen wir den Flusslauf und schlugen unser Lager in einem ausgetrockneten Flussbett auf. Die Pferde wurden getränkt, angepflockt, bekamen Stroh und Gerste. Wir suchten trockenes Schilf und ein bisschen Holz fürs Lagerfeuer, an dem uns Azzedine später Sagen aus dieser Gegend erzählte.

Am nächsten Tag entfernten wir uns immer weiter vom Fluss. Die Gegend wurde immer karger, die Dörfer immer kleiner. Dennoch war es jedes Mal beeindruckend, durch die engen Gassen zu reiten. Überall öffneten sich die Türen und Fenster, alte Leute winkten uns zu, die Kinder kamen lärmend von allen Seiten und begleiteten den Reitertrupp. Am Nachmittag hatten wir dann die ersten Sanddünen vor uns. Der bis dahin angenehme Wind frischte auf und wirbelte den feinen Sand auf.

Bald wussten wir die Turbane zu schätzen, denn der Wind wurde immer stärker, es knirschte zwischen den Zähnen, und der Himmel wurde zusehends trüber… wir waren in einen kleinen Sandsturm geraten. Unser Führer bat uns, dicht beisammen zu bleiben. Mit gesenktem Kopf, die Augen auf den Schweif des Vorderpferdes gerichtet, zogen wir weiter. Nach ein paar Stunden erreichten wir eine Oase. Es war erstaunlich, wie gut die Palmen Sand und Wind zurückhielten.

Leider lag unser Lagerplatz am Oasenrand, so dass es uns unmöglich war, das große Zelt aufzubauen. Azzedine tauchte kurz auf, bat uns, die Pferde abzusatteln und verschwand mit dem Begleitfahrzeug. Nachdem alle Pferde angepflockt und gefüttert waren, kam er zurück und sagte, er hätte einen Übernachtungsplatz gefunden.

Also stiegen wir ins Auto und fuhren ein kurzes Stück ins nahegelegene Ksar Hassasna, ein befestigtes Dorf. Am Haupttor erwartete uns der Bürgermeister und führte uns durch ein Labyrinth von engen Gassen zu seinem Haus. Dort begrüßte uns seine Familie, die uns versicherte, dass es eine Ehre sei, uns für die Nacht eine Unterkunft zu gewähren.

Wir wurden in einen großen Raum geführt, der offensichtlich als Wohn- und Esszimmer diente. Unsere Schuhe ließen wir am Eingang stehen und nahmen auf den Sitzkissen auf dem Boden Platz, während der Familienälteste sorgfältig den Tee zubereitete. Dann nannte ein jeder kurz seinen Namen und mit Hilfe von Azzedine und ein bisschen Französisch konnten wir uns bald mit den Hausherren unterhalten.

Die Frauen hatten inzwischen in der Küche das Abendessen zubereitet, das wir dann in einer anderen Ecke des Raumes zu uns nahmen. Es schmeckte vorzüglich und der Abend wurde immer gemütlicher. Wir gaben uns gegenseitig Rätsel auf, erzählten Witze und Geschichten, so dass es sehr spät war, als wir uns einen Schlafplatz suchten.

Morgens war dann von dem Sturm des vergangenen Tages nichts mehr zu merken. Auch die Pferde hatten die Nacht gut überstanden und so machten wir uns frohen Mutes auf den Weg. Wir waren nun in einer Gegend in der die meisten Dörfer als Ksare, also als befestigte Wehrdörfer angelegt waren. Die großen Portale, zumeist farbig bemalt, zeugten vom einstigen Wohlstand eines Dorfes und boten immer neue Fotomotive.

Die Pferde zeigten keine Spur von Müdigkeit, und da die zahlreichen Sandpisten viel Gelegenheit zum Galoppieren boten, kamen wir schnell voran. So erreichten wir nach einem wunderschönen Tag die Stadt Rissani, wo ein gut gepflegter Königspalast Ströme von Touristen anlockt. Das bekamen wir auch sofort zu spüren als wir durch die Stadt ritten, denn die Kinder forderten sofort Süßigkeiten, Zigaretten und Geld von uns.

Auf dem Weg zu unserem Lager am Rand der Oase, kamen wir auch noch an einer Schule vorbei. Und selbst hier sorgte die Hoffnung auf Geschenke von den Touristen dafür, dass die Kinder aufgeregt den Unterricht verließen, um uns zu verfolgen. Dem schreienden Lehrer gelang es nur mit Mühe, seine Schäfchen wieder einzufangen. Dann aber hatten wir das Lager erreicht und unsere Ruhe.

Es war einer unserer schönsten Lagerplätze bisher, das große Zelt unter Palmen und die Pferde ringsherum in ihrem Schatten angepflockt. Und keine 100 Schritte weiter war die Oase zu Ende, wir hatten den Anfang der Wüste erreicht.

Der Morgen begann wie immer. Nach dem Frühstück Pferde tränken, putzen, satteln und auf das Zeichen zum Abritt warten. Für den Wüstenritt bekam jeder ein Lunchpaket und die Feldflaschen wurden mit Wasser gefüllt.

Wir verließen die Oase, folgten zunächst einigen Sandpisten und gelangten bald in den Regg, wo der Boden mit schwarzen Steinen bedeckt ist. Die Gleichmäßigkeit der Wüstenlandschaft hat etwas Beruhigendes an sich. Es gibt keine Dörfer, keine Vegetation welche die Aufmerksamkeit auf sich zieht, nur Weite bis zum Horizont, Und so träumten die meisten von uns still vor sich hin.

Schließlich erreichten wir kleine Sanddünen aus hellem Sand und standen in einem Dünental plötzlich vor einem schwarzen Beduinenzelt. Die Familie kam heraus und die Kinder waren von den Pferden fasziniert. In dieser Gegend mit wenig Vegetation sind Pferde eine Seltenheit. Spontan stieg ein Reiter ab, hob eines der Kinder aufs Pferd und führte es ein bisschen herum. Die Augen des Kleinen strahlten und die Eltern wollten uns gleich zu einem Tee einladen, aber unser Führer lehnte ab, wir mussten weiter.

Zunächst aber kamen wir nicht sehr schnell voran, denn auf und in den Dünen wollten wir natürlich alle ein Foto machen. Und dann erreichten wir die großen Sanddünen. Zunächst hatte es wie ein Gebirge am Horizont ausgesehen, aber es waren Sanddünen, die im Licht der tiefstehenden Sonne ockerfarben erschienen. Ich hatte das Gefühl am Anfang der Sahara angekommen zu sein. Wir wollten am Fuße der großen Dünen lagern, doch bevor wir das große Zelt aufbauen konnten, kam Wind auf.

Das große Begleitfahrzeug, beladen mit Stroh, Gerste, unserem Gepäck und allen möglichen Lagerutensilien fuhr sich im weichen Dünensand fest und die kleinen Igluzelte lagen ganz unten auf der Ladefläche. Also alles abladen! Aus den Strohballen bauten wir einen Windschutz für die „Küche“ und Sitzgelegenheiten. Das Gepäck wurde gestapelt, die Gerste zum Teil gleich verfüttert und dann konnten wir auch die kleinen Zelte aufbauen.

Inzwischen war es kalt und dunkel geworden, der Vollmond beleuchtete die Dünen und unsere Zelte und wir rückten beim Essen eng ums Feuer zusammen. Dann ließ der Wind nach. Die Marokkaner waren guter Dinge, zauberten Tambourine, Trommeln, ein Saiteninstrument und eine Art Flöte hervor und schon bald versuchten wir den Rhythmus mit unseren Füßen mitzumachen.

Plötzlich wurde ein gesatteltes Pferd herangebracht. Es war „meine“ Stute Venus, wie ich schnell an der hellen Mähne erkannte. Azzedine stieg auf und dann ließ er sie zu der Musik tanzen. Seitwärts, vor und zurück oder auf der Stelle ließ er das Pferd zum Rhythmus der Musik treten, während wir fasziniert diese nächtliche Fantasia beobachteten.

Nachdem wir den Pferden einen halben Ruhetag gegönnt hatten, machten wir uns auf den Weg, fort von den großen Dünen. Die Dünen, die wir von nun an sahen, waren alle wesentlich kleiner, dafür konnte und musste man sie auch mit dem Pferd überqueren.

In einer kleinen, verschlafenen Oase schlugen wir unser letztes Camp auf und auch der letzte Tag ging trotz eines kleinen Umweges viel zu schnell vorbei. Dass wir in der Wüste gewesen waren, machte sich im Hotel dann nicht nur an dem Sand im Gepäck bemerkbar, sondern auch daran, dass die meisten mit dem Wasser sparsamer umgingen als sonst.

Der Abschied am Flughafen war so traurig wie immer. Wir hätten gerne an Stelle der nächsten Gruppe die Pferde wieder zurückgeritten, aber die Neuankömmlinge ließen sich durch unsere „Schauergeschichten“ nicht vertreiben. So mussten wir dann doch nach Hause fliegen. Der Urlaub war vorbei.

Vielen Dank an die Autorin Daniela Bayerl aus Berlin!


3. Dezember 2013