Ein Abenteuer in Polen

Ein Abenteuer in Polen

Wohin soll der nächste Reiturlaub gehen? Wie jedes Jahr standen wir wieder vor der schwierigen Entscheidung. Auf jeden Fall suchten wir etwas Preiswertes. Natürlich wollten wir viel reiten und möglichst den ganzen Tag mit den Pferden verbringen.

Etwas Besonderes sollte es sein: urig, nicht alltäglich, mal was ganz anderes mit neuen Erfahrungen. Eben kein normaler Urlaub mit Massenabfertigung, wo alles bis ins kleinste Detail geplant ist. Kurzum, wir wollten eines von jenen Abenteuern erleben, die man in unserer von Stress, Verboten und Verkehr geprägten Gegend vergebens sucht.

Bei unserer Suche stießen wir auf einen Bericht über Jola und Marek, die einen Reiterhof in Südostpolen haben. Wir waren auf Anhieb begeistert. Vorsichtige Hinweise wie: „sehr abgelegene und wenig besiedelte Gegend“, „rustikale Unterbringung“, „urige Atmosphäre“ und „anstrengende, lange Ritte“ spornten uns nur noch mehr an.

Das Organisatorische war schnell am Telefon geklärt. Da Jola und Marek ausgezeichnet Deutsch sprechen, gab es auch keine Verständigungsschwierigkeiten. Man kam uns in jeder erdenklichen Form entgegen und bezog uns aktiv in die Planung mit ein.

Dann war es endlich soweit und die Reise ging los. Die erste Hürde in Form der Grenze war zügig genommen. Für die restliche Strecke benötigten wir aufgrund der schlecht ausgebauten Straßen und des dichten Verkehrs wesentlich mehr Zeit als veranschlagt. Das polnische Verkehrsverhalten war für uns doch sehr gewöhnungsbedürftig und kostete einiges an Nerven und Konzentration.

Mit der untergehenden Sonne erreichten wir den Reiterhof. Doch als wir die Pferde friedlich grasen sahen, waren die 14 Stunden Fahrt vergessen. Jola und Jan, unser Reitführer für die nächsten Tage, begrüßten uns herzlich. Sie führten uns kurz über den Hof und zeigten uns die Pferde. Leider war eine Unterbringung auf ihrem Reiterhof nicht möglich. So träumten wir während der Fahrt zu unserer Unterkunft schon von den Pferden und dem bevorstehenden Ritt. Nach einem zünftigen Abendessen fielen wir müde ins Bett.

Nach einem herrlich reichhaltigen Frühstück nutzten wir die nächsten Minuten, um zu erkunden, wo wir überhaupt waren. Auf einer Lichtung mitten im Wald standen zwei einsame Gehöfte. Eines davon diente uns als Unterkunft. Das Zentrum bildete ein Holzhaus, welches für jeden russischen Märchenfilm als Kulisse hätte dienen können. Vor diesem Haus befand sich eine Feuerstelle mit Bänken und gegenüber waren noch zwei kleinere Holzhütten mit Schlafräumen, Toiletten sowie Duschen. Es machte alles einen sehr rustikalen Eindruck. Komfort suchte man vergeblich. Ein Pferd, ein Dach überm Kopf, ein Bett und eine Dusche, alles was man für einen Reiturlaub braucht, war vorhanden.

Kurz darauf fuhren wir mit einem alten Militärjeep zurück zum Reiterhof. Dort angekommen, bekam jeder sein Pferd für die nächsten Tage zugeteilt. Auf dem Weg zurück zu unserer Unterkunft sollten wir uns mit ihnen vertraut machen.

Als ich mein Pferd, einen wunderschöne dunkelbraunen Trakehnerhengst, sah, war ich sofort begeistert. Beim Putzen spürte ich schon ein wenig Herzklopfen. Zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich einen Hengst reiten. Schon immer war das mein Traum gewesen, trotzdem beschlich mich ein eigenartiges Gefühl: „Kann ich dieses herrliche Geschöpf überhaupt beherrschen?“ Wie sich später herausstellen sollte, war dieses Gefühl völlig unbegründet. Czerulik hatte zwar seinen eigenen Willen und wurde nervös, wenn irgendwas „seine“ Stuten zu bedrohen schien, trotzdem war er aber in jeder Situation problemlos beherrschbar.

Auch die anderen hatten Glück mit ihren Pferden. Es handelte sich um ausgeglichene Trakehnerstuten, die willig allen Hilfen gehorchten. Sicher, jede von ihnen hatte ein paar Eigenheiten, aber schließlich wollten wir keinen langweiligen Ritt.

Als wir abends bei unserer Unterkunft ankamen, wurden wir von einem Akkordeonspieler und einer Sängerin in kunstvoll verzierten Trachten erwartet. Schon aus der Ferne hörten wir die polnischen Weisen, die sie spielten. Nachdem die Pferde versorgt waren und friedlich auf der Koppel grasten, aßen wir gemeinsam Abendbrot. Danach saßen wir noch bis spät in die Nacht am Lagerfeuer bei polnischen oder deutschen Volksliedern und allerlei Geschichten.

Am nächsten Tag wurden wir schon zeitig geweckt, denn heute sollte der Trail beginnen. Als wir über das reichhaltige Frühstück staunten, das einem deutschen Mittagessen alle Ehre gemacht hätte, wurde uns erklärt, dass es zum Mittag nur ein kleines Picknick geben würde. Da alles köstlich aussah und auch so schmeckte, langten wir ohne großes Bitten kräftig zu.

Leider merkten wir erst viel zu spät, dass dies ein fataler Fehler war. Das kleine Picknick mittags am See entpuppte sich als Fünf-Gänge-Menü und die Menge an Speisen steigerte sich von Mahlzeit zu Mahlzeit. Uns befielen arge Ängste, dass unsere Pferde irgendwann nicht mehr in der Lage sein würden, uns zu tragen.

An diesem Tag legten wir etwa 30 Kilometer zurück. Die Gegend war dünn besiedelt. Nur hin und wieder begegneten wir Menschen, meist Bauern, die teilweise noch mit Pferden ihre Felder bearbeiteten. Landschaftlich wechselten sich Felder und lichte Wälder ab.

Jan, unser Reitführer, war ein richtiger Abenteurer. Anfangs gab es leichte Verständigungsschwierigkeiten. Keiner von uns sprach Polnisch oder Französisch. Er dagegen konnte weder deutsch noch englisch. Irgendwie war ich froh, dass ich vor langer Zeit einmal russisch gelernt hatte. Im Laufe der Zeit fielen uns immer mehr Worte ein. Mit Händen, Füßen und einem Gemisch aus mehreren Sprachen war die Verständigung nun auch kein Problem mehr.

Dabei erfuhren wir, dass Jan eigentlich ein Multitalent ist: Mitglied der polnischen Skinationalmannschaft, Segelflieger, Reiter und hauptberuflich Geologe. Bei solchen Gesprächen verging die Zeit ziemlich schnell. Sein Orientierungssinn schien dagegen nicht seine Stärke zu sein. Er verließ sich weniger auf Karte oder Kompass als auf seine Intuition, und die bescherte uns so manchen größeren, aber interessanten Umweg.

Von der Unterkunft für diese Nacht waren wir alle überrascht. Wir wurden wie Pilger in einem Kloster empfangen. Ein Franziskanermönch wies uns die Räume zu. Ich war beeindruckt von der Ordnung und Einfachheit. Zwei Betten, ein Schrank, ein Tisch und ein Kreuz waren die ganze Einrichtung des ca. 12 Quadratmeter großen Zimmers. Ebenso einfach, aber ausreichend war auch das Abendessen.

Das ganze Kloster schien uns von Stress und Hektik zu befreien. Uns tat die Ruhe gut, die es ausstrahlte. Der Wandelgang war mit vielen uralten überdimensionalen Gemälden geschmückt. Die fahlen Gesichter, die von diesen herabblickten, wirkten im Halbdunkel gespenstisch und faszinierend zugleich. Doch für eine genauere Erkundung des Klosters waren wir viel zu müde. Am nächsten Morgen frühstückten wir zusammen mit den Mönchen. Anschließend bekamen wir eine Führung durch die wunderschöne barocke Klosterkirche.

Den Höhepunkt der Besichtigung bildete ein Konzert auf der ältesten Orgel Polens. Nach diesem kulturellen Ereignis konnten wir es kaum erwarten, unsere Pferde wiederzusehen. Sie hatten die Nacht auf einer Wiese vor den Klostermauern verbracht. Als wir uns ihnen näherten, wieherten sie uns schon ungeduldig entgegen. Nach dem üblichen Putzen und Satteln ging es dann wieder los.

Mein schlechtes Gewissen meldete sich, als wir Jola mit dem riesigen Berg an Gepäck zurückließen. Ich frage mich noch heute, wie sie dies alles und die Verpflegung in einem winzigen Fiat Bambino, untergebracht hat. An diesem Tag meinte es das Wetter besonders gut mit uns. Wir ritten fast ständig durch offenes Gelände, so dass wir keinen Schutz vor der unbarmherzig brennenden Sonne fanden. Deshalb waren wir Jan dankbar, dass er öfter mal eine Pause machte und Getränke für uns organisierte.

Am frühen Nachmittag erreichten wir einen See, wo in einer kleinen Gaststätte das Mittagessen auf uns wartete. Beim Essen kam uns eine Idee: Schon immer wollten wir mal versuchen, mit Pferden schwimmen zu gehen, und hier bot sich uns die seltene Gelegenheit. Sofort wurden die Badesachen herausgekramt. Misstrauisch schauten uns die Pferde dabei zu: „Was das wohl wieder wird?“

Es stellte sich heraus, dass Czerulik eine absolute „Wasserratte“ war. Kaum im Wasser, begann er sofort mit den Vorderhufen zu planschen wie ein kleines Kind. Innerhalb kürzester Zeit war ich pudelnass. Im Gegensatz zu mir schien ihm das einen Heidenspaß zu machen.

Zum Glück war es nicht mehr weit bis nach Sienawa, wo wir in einem Palasthotel untergebracht waren. Durch einen barocken Garten ritten wir auf den Palast zu, wo uns ein Diener in Livree mit einem Tablett voller Wodkagläser erwartete. So ungefähr müssen sich früher die Herrschaften gefühlt haben, wenn sie von der Jagd heimkamen, schoss mir durch den Kopf. Unser Appartement war riesig und luxuriös eingerichtet. Ebenso erlesen war auch das Abendbrot.

Bei einem kleinen Spaziergang durch den Garten schauten wir noch mal nach den Pferden, die in einem alten Stallgebäude untergebracht waren. Jola und Jan hatten sie schon versorgt. Wir setzten uns zu ihnen und plauderten bei einer Flasche Wodka noch bis in die Nacht hinein.

Am nächsten Tag ritten wir durch eine waldreiche Gegend. Da wir bis jetzt nur selten galoppiert waren und der Boden hier weicher wurde, nutzten wir jede Gelegenheit für einen zünftigen Galopp. Mit der Feuchtigkeit kamen aber leider auch Schwärme von Mücken und Bremsen. Offensichtlich ließen sich hier nur selten Menschen blicken, denn diese Biester stürzten sich förmlich ausgehungert auf uns und die Pferde.

Als das Dickicht für Pferd und Reiter unpassierbar wurde, ritten wir in einem Bach weiter. Jan erwies sich hier als erfahrener Führer. Geschickt leitete er uns an den Tiefen vorbei. Trotz aller Vorsicht reichte uns das Wasser stellenweise aber doch bis zu den Knien. Na ja, und Czerulik verpasste mir voller Begeisterung erneut eine unfreiwillige Dusche. Erschöpft von dieser Anstrengung erreichten wir ein abgelegenes Forsthaus – unser Domizil für diese Nacht.

Die nächste Etappe führte uns durch dichter besiedeltes Gebiet. Überall begegneten wir freundlichen Menschen. Bereitwillig erklärten sie uns den Weg oder gaben uns Wasser zum Tränken unserer Pferde. Am frühen Nachmittag erreichten wir unser Ziel für diesen Tag, ein Bauernhaus.

Nach den Anstrengungen der letzten Tage waren wir ganz froh, schon relativ zeitig anzukommen. Wir nutzten die Zeit zum Erholen und zum Ausruhen. Auch die Pferde schienen sich im Obstgarten direkt vor dem Haus sehr wohl zu fühlen. Für Erik, unseren Gastgeber, und seine Familie schien unser Besuch eine willkommene Abwechslung zu sein. Jedoch beschämte uns der Aufwand, den sie betrieben, schon ein wenig. Stolz wurde uns der Hof mitsamt den Tieren gezeigt. Im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stand ein kräftiger Kaltbluthengst.

Am Abend warteten wir ausgehungert auf unser Essen. Wir hatten uns vorgenommen, heute alles aufzuessen, was uns serviert würde. Als dann der Tisch leer war, überkam uns ein Gefühl der Zufriedenheit. Dies fand allerdings ein jähes Ende, als neu aufgetischt wurde. Nachdem sich dieser Vorgang dreimal wiederholt hatte, gaben wir entnervt auf. Es tat uns in der Seele weh, diese köstlichen Speisen stehen zu lassen, aber wir konnten einfach nicht mehr. Beim anschließenden Erzählen floss reichlich Wodka. Mit seiner Hilfe gelang es uns auch, die Verständigungsschwierigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren.

Am nächsten Morgen war der Frühstückstisch im Obstgarten zwischen den Pferden gedeckt. Wir genossen es, in der Vormittagssonne zu sitzen und die Pferde zu beobachten. Hin und wieder schob sich neugierig ein Pferdekopf über unsere Schultern. Doch enttäuscht verschwand er jedes Mal wieder. „Wie man sowas nur essen kann, wo hier doch überall so schönes saftiges Gras ist!“

Obwohl für diesen Tag auch nur eine kurze Etappe geplant war, zog sich der Ritt doch etwas in die Länge. Als wir wieder am Ausgangspunkt des Trails ankamen, erwartete uns schon eine neue Reitgruppe. Diese Gruppe brach am nächsten Morgen zeitig in Richtung Ukraine auf und wir bereiteten uns schweren Herzens auf die Abreise vor.

Der Abschied von unseren Pferden fiel uns besonders schwer. Am liebsten hätten wir sie heimlich im Kofferraum versteckt und mit nach Hause genommen. Jeder bekam noch ein kleines Geschenk sowie einen riesigen Verpflegungsbeutel, bevor wir uns auf den Heimweg machten.

Für uns wird dieser Urlaub immer ein unvergessliches Erlebnis bleiben. Auf jeden Fall werden wir Jola und Marek nächstes Jahr wieder besuchen. Vielleicht unternehmen wir dann auch einen Ukraine-Trail mit ihnen.

Kurzum, für alle, die mal etwas Außergewöhnliches erleben möchten, sich für Pferde begeistern und auf gar keinen Fall verhungern möchten, ist dies der ideale Urlaub. Man sollte sattelfest sein und eine gute Kondition besitzen, da man bis zu acht Stunden am Tag im Sattel verbringt. Sonderwünsche bezüglich der Trailroute, den Pferden sowie der Termine werden gern berücksichtigt.

Russischkenntnisse sind hilfreich, aber nicht zwingend notwendig. Für die Einreise in Polen ist ein gültiger Reisepass Voraussetzung. Mittel gegen Mücken sowie Zecken sollten in ausreichender Menge vorhanden sein. Bei Anreise mit der Bahn ist ein Transfer zum Bahnhof selbstverständlich.

Vielen Dank an den Autoren Dirk Wilken aus Leipzig!


4. Dezember 2013