Mit der Postkutsche über den Gotthard

Mit der Postkutsche über den Gotthard

Der Auszug aus Andermatt gleicht einer Prozession: Überall öffnen sich Fenster, winken Menschen, zücken Touristen ihre Fotoapparate. Doch die Aufmerksamkeit gilt nicht uns, wir sind nur die Statisten. Statisten, die allerdings spontan in ihre „VIP-Rolle“ schlüpfen – denn wir winken freudestrahlend zurück.

Das, was die Passanten und auch uns zum Lächeln bringt, Emotionen zeigen lässt, ist eine historische Postkutsche, gelenkt von einem historisch bekleideten Postillion und seinem Kondukteur, gezogen von fünf Freiberger Pferden. Das Klappern ihrer Hufe, der Klang der Glocken an ihrem Geschirr und der Ruf aus dem Posthorn sind wie eine Melodie aus längst vergangener Zeit, die Herzen und Türen öffnet.

Das Gefährt ist gut gefedert, die Sitze sind bequem, und auch das Wetter spielt mit. Mit offenem Verdeck steuert unsere kleine Reisegesellschaft ihrem Ziel entgegen: dem Gotthardpass. Die Pferde mit den klangvollen Namen Surprice, Mio, Noel, Fiona und Leeroy werden in den nächsten sieben Stunden einen Höhenunterschied von 661 Metern bewältigen.

Der 13jährige Mio, der einzige Schimmel im Gespann, ist „Teamchef“. Ein alter Hase, der die Strecke schon x-mal gegangen ist. Daher sein Spitzname: „Gotthardläufer“. Er macht auch noch durch eine andere Besonderheit auf sich aufmerksam. Bevor es morgens losgeht, übt er sich im „Streching“ – die Vorstellung ist zirkusreif.

Im Trab, noch sind wir in der Ebene, lassen die fünf Freiberger Andermatt hinter sich. Doch schon bald kommen die ersten Serpentinen. Von jetzt ab geht es im Schritt weiter. Daniel Würgler, unser Kutscher, hat die Zügel fest in der Hand und dirigiert sein Gespann sicher durch die engen Kurven. Der Fünfspänner ist ein Kompromiss. Vier Pferde hätten zu viel zu ziehen, mit sechs käme man noch schwerer um die engen Kurven, erklärt Würgler.

Der 37jährige ist seit 1988 dabei. In diesem Jahr wurde die Idee geboren, die alte Postkutschenstrecke im Sommer wieder aufleben zu lassen. „Acht Verrückte“ so Würgler mit einem Schmunzeln im Gesicht, gründeten zu diesem Zweck eine Gesellschaft. Heute seien noch vier Aktionäre mit von der Partie, „alles Schweizer aus der Region“. Zur Kutsche sei man wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Das nach Originalplänen gebaute Coupé Landau sei für einen deutschen Auftraggeber bestimmt gewesen. Nachdem dessen Sponsor abgesprungen war, übernahmen die Schweizer das Gefährt.

„Unsere Kutsche ist von der Post sogar als Original anerkannt und hat eine ordentliche Registriernummer.“ erklärt Würgler stolz. „Aber technisch ist sie voll auf der Höhe der Zeit.“ fügt er hinzu. Sie besitzt vier unabhängige Bremsen, die Speichen sind aus Stahl gefertigt, und auf den Rädern sind zwei Zentimeter dicke Gummistreifen. Angesichts der Anforderungen der zweiten Etappe der Reise, in der es immerhin einen Höhenunterschied von 993 Metern zu bewältigen gilt, ein beruhigendes Gefühl.

Nach etwa eineinhalb Stunden naht der zweite Stop. Den ersten, verbunden mit einem „Apero“, gab es bereits in Andermatt vor dem Hotel „Drei Könige & Post“. Für Nichtschweizer: Ein Apero ist ein Aperitif. Während wir aussteigen, bekommen die 5- bis 14jährigen Pferde Decken übergeworfen. Sie sind doch etwas ins Schwitzen gekommen und haben sich eine Verschnaufpause verdient.

Unter den Klängen eines Alphorns – Kondukteur Kari Gitschler, mit seinen 67 Jahren ein Original für sich, kann offensichtlich nicht nur mit dem Posthorn umgehen – gehen wir ein paar Schritte zu einer kleinen Gaststätte. Im Mätteli erwartet uns ein Spezialdrink, ein „Postillion“: ein Kaffee der besonderen Art, mit Schlagrahm und einem kräftigen Schuss Alkohol.

Was dieser Schuss genau enthält, verrät die Wirtin nicht, nur so viel: Amaretto, „diverse“ Kräuterschnäpse und Liköre seien mit dabei. Was mich betrifft, ein köstliches Getränk mit durchschlagender Wirkung. Es steigt nach kurzer Zeit in den Kopf. Unsere beiden Begleiter halten sich vorsorglich an alkoholfreie Getränke.

Als es weitergeht, werden auf Empfehlung des Kutschers die Sitzplätze und damit die Perspektiven gewechselt. So hat jeder mehr von der Reise, denn jede Position hat ihren besonderen Reiz. Als die Kutsche über einen für den normalen Autoverkehr gesperrten uralten Teil der Passstraße fährt, stelle ich mir vor, wie sich die Reisenden früher gefühlt haben müssen – als diese Tour noch nicht ein attraktives Freizeitvergnügen war. Auf den engen Passstraßen begegneten Fuhrwerke, die Waren auf die andere Seite des Gotthards brachten, privaten Reisenden und Postkutschen. Es war eine lange, beschwerliche Reise – besonders für die Pferde. „Die wurden damals richtiggehend geschunden, waren mager und haben den Dienst nicht lange durchgehalten.“ weiß Würgler zu berichten. Manchmal forderte der Pass noch einen größeren Tribut: Ein gebrochenes Holzrad, Lawinen, Steinschlag oder durchgehende Rösser rissen Kutschen und Fuhrwerke samt Besatzung in den Abgrund.

„Auch heute noch gibt es ein Restrisiko.“ räumt Würgler ein. Immerhin muss er von Andermatt bis Airolo 91 Krümmungen und 26 Haarnadelkurven mit seinem Gespann zurücklegen. Doch in den vergangenen neun Jahren, betont er, habe es nur einen Unfall gegeben und der sei glimpflich verlaufen. Für ihn gilt deshalb immer „Sicherheit an 1. Stelle“.

Den Fuhrhaltervertrag mit der Gesellschaft nimmt er entsprechend ernst. Dazu zählt neben dem Geschirr das richtige „Schuhwerk“ für die Pferde. Von April bis Oktober legen die zwei Freiberger Gespanne, die im Wechsel ihren Dienst tun, im Schnitt 1.000 Kilometer auf dem Asphalt zurück. Alle acht bis zehn Wochen erhalten die Tiere neue Spezialbeschläge. „Das A und O“, so ihr Chef, „ist aber ein vernünftiger Fahrstil“.

Der 37jährige, der in der Nähe von Basel wohnt, weiß, wovon er spricht. In der Schweiz ist er ein bekannter Turnierfahrer und von November bis März bildet er Kutschpferde und Fahrer aus, organisiert Gesellschaftsfahrten und gibt außerdem noch Reitunterricht. 26 Pferde stehen in seinem Stall bei Ettingen, teilweise aus eigener Zucht.

Gegen 13 Uhr erreichen wir das Gotthard Hospiz. Ein historischer Ort: Kreuzpunkt der vier schweizerischen Sprach- und Kulturbereiche und die kürzeste Verbindung zwischen Nord- und Südeuropa. Auch hier erregt die Kutsche Aufsehen. Während die Pferde ihren verdienten Hafersack umgebunden bekommen, erwartet uns ein Mittagessen im Restaurant Monte Prosa. Nach dem Essen zückt unser Kutscher sein Stempelkissen. Die Reisedokumente werden „offiziell“ unterschrieben und abgestempelt – mit dem Siegel der Kantone Uri und Ticino sowie einem Postkutschenstempel. Bei den Drei-Tagesfahrten kommt auch noch das Zeichen vom Kanton Luzern dazu.

Nach den Reisedokumente harrt ein kleiner Postkartenberg auf seine Bearbeitung, schließlich sollen die Daheimgebliebenen wissen, was sie versäumt haben – aber noch nachholen können. Bei einer Auslastung von inzwischen 90 Prozent empfiehlt es sich allerdings, sich rechtzeitig anzumelden.

Angeregt durch die gute Stimmung am Tisch, überrascht uns der Würgler mit einer besonderen Zugabe: Mit erstaunlichem Stimmvolumen schmettert Würgler das Lied vom Postillion. Der Applaus ist ihm sicher.

Nach dieser unerwarteten Gesangseinlage und einem umfangreichen Mittagstisch bleibt nur noch wenig Zeit zum Besuch des St-Gotthard-Museums. Eine Gelegenheit, die man sich jedoch nicht entgehen lassen sollte, vor allem wenn man sich für die Geschichte der Region, die Kämpfe um Freiheit und politische Vormacht, das Ringen der Menschen mit der Natur, und den Bau der Passstraßen und Tunnel als lebenswichtige Verkehrsadern für Handel und Verkehr interessiert.

Für mich ist die Fahrt mit der Postkutsche ein Versuch, etwas von dieser Zeit zu erfahren, indem ich einen Teil des traditionsreichen Handels- und Reiseweges nachvollziehe. Meine Route begann in Luzern. Von dort brachte mich, gemütlich und ohne Stress, ein Schiff zum anderen Ende des Vierwaldstättersees nach Flüelen. Dann ging es mit dem Zug weiter nach Göschenen und Andermatt. Am nächsten Tag startete ich mit der historischen Postkutsche nach Airolo, und am Ende des Tages wird es von dort wieder mit dem Zug weitergehen: über Bellizona nach Locarno am Lago Maggiore.

Doch zunächst genieße ich noch die Fahrt mit der Postkutsche. Allerdings – mit einem fragenden Blick nach oben. Der Himmel hat sich während der zweistündigen Mittagspause bewölkt, die ersten Regentropfen hinterlassen ihre Spuren auf den alten Pflastersteinen.

Kutscher und Kondukteur entscheiden sich, das historische Gefährt „dicht“ zu machen. Von nun an fahren wir mit geschlossenem Verdeck. Das tut der Laune keinen Abbruch, denn das Reisegefühl ist plötzlich ein ganz neues. Wenn es draußen regnet, erscheint die Kutsche innen umso gemütlicher. Von nun an geht es hauptsächlich bergab. Jetzt sind die Bremsen und das Fingerspitzengefühl des Kutschers gefordert. Als ich aussteige, um ein paar Fotos mit Blick auf die Kutsche und die steilen Serpentinenkurven zu schießen, wird mir dessen Leistung erst richtig bewusst.

Was treibt einen 37jährigen verheirateten Mann mit eigenem Geschäft eigentlich dazu, in den Sommermonaten in die Uniform eines Postillions zu steigen und bei Wind und Wetter über den Pass zu fahren? „Ich bin wahnsinnig gerne mit Menschen zusammen. Karli und Heini, dem zweiten Kutscher, geht es auch so. Eine Kutschfahrt verbindet die Leute miteinander, es ist einfach ein ganz besonderes Erlebnis – die Natur, das Panorama, sich die Zeit zu nehmen, einfach nichts zu tun, nur das Reisen auf sich wirken zu lassen. Außerdem macht mir das Fahren wahnsinnig Spaß, es ist fast wie eine Sucht.“ versucht Würgler seine Beweggründe zu erklären. Offensichtlich ist seine gute Laune auch nicht durch einen richtigen Regenguss zu erschüttern. Gut eingepackt, vor Wind und Wetter geschützt, hält er auf dem Bock unsere Kutsche auf Kurs.

Nach einer halben Stunde hat der Himmel ein Einsehen, die Sonne blinzelt wieder durch die Wolken. Aus den Baumwipfeln, die anzeigen, dass wir schon wieder eine gute Strecke talwärts unterwegs sind, steigen Nebelschwaden auf. Ohne Regenguss wäre uns dieses Naturschauspiel entgangen.

Gegen 17.30 Uhr treffen wir in Airola ein. Das Posthorn kündigt unser Kommen an – allerdings, die Tessiner reagieren gelassener auf unser Erscheinen als die Eidgenossen im Kanton Uri. Im Ristorante „Delle Alpi“ gegenüber der Bahnhofstation erwartet uns zum Abschluss der nostalgischen Tour ein kleiner Imbiss und eine erfrischende Bowle. Würgler muss, bevor er sich seinen Gästen ein letztes Mal widmen kann, ein paar Meter weiter zum Pferdetransporter.

In Airolo gibt es, im Gegensatz zu Andermatt, keine Stallungen, und die Rückfahrt wäre für die Pferde sehr anstrengend – immerhin müssten sie von Airolo zum 2.114 Meter hohen Gotthard 933 Meter zurücklegen, von Andermatt beträgt der Höhenunterschied „nur“ 661 Meter.

Während Karl Gitschler sich um die Gäste kümmert, spannen Würgler und seine Helfer die Pferde aus und verladen die Kutsche auf den Hänger – und das in knapp 20 Minuten. Kurz darauf befindet sich der Transport schon auf dem Rückweg nach Andermatt. Morgen haben Miro und seine Kollegen Pause, die zweite Besetzung ist an der Reihe.

Im „Delle Alpi“ blicken wir noch einmal auf unser kleines Abenteuer zurück.

Das Fazit: Es hat sich gelohnt! Am Bahnhof trennen sich die Wege. Ich warte auf meine Verbindung nach Locarno und freue mich auf den Cappuccino und den Sonnenuntergang am Lago Maggiore….

Vielen Dank an die Autorin Karin Walz aus Berlin!


4. Dezember 2013

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