Spirituelle Selbsterfahrung im Sattel

Spirituelle Selbsterfahrung im Sattel

Für Matthias Thiel ist ein Pferd nicht nur ein Pferd. Für den 43jährigen ist es auch ein Medium, das dem Menschen helfen kann, achtsam zu werden und in die Gegenwart, ins Jetzt zu kommen. Nicht nur das. Für viele Menschen sei der Umgang mit dem Pferd deshalb eine Herausforderung, weil sie sich bei der Arbeit mit dem Tier mit ihrer eigenen Ungeduld, Furcht und auch Wut konfrontiert sähen. Wobei das Pferd spontan und unverfälscht auf die bewussten und unbewussten Impulse des Reiters reagiert, ihm damit einen Spiegel vorhält. Bei Ausritten ins Gelände kommt für Thiel eine weitere Komponente hinzu: „Das Erleben der Schönheit und die Ganzheitlichkeit der Schöpfung“.

„Unsere Reitschule der Achtsamkeit“, so der Heilpädagoge und Psychotherapeut, „ist vom Shambhala inspiriert.“ Auf meine Rückfrage, worum es sich dabei genau handle, erläutert Thiel: „Um einen wiederbelebten Weg des spirituellen Kriegers, der sich aus buddhistischer und alttibetischer Tradition speist.“

Mit großem Respekt nennt er den Namen von Chögyam Trungpa Rinpoche, einen tibetischen Meister, der in den 90er Jahren gestorben ist. Ein Krieger zu sein, lerne ich, bedeutet nach buddhistischer Überlieferung nicht, Kriege zu führen, sondern sich der eigenen Möglichkeiten und Potentiale bewusst zu werden, sich furchtlos und besonnen den Anforderungen des täglichen Lebens zu stellen und durch dieses neue Bewusstsein Zutritt zur heiligen Welt zu erlangen, d.h. eine ganzheitliche Existenz in Harmonie von Körper, Geist und Seele zu erlangen.

In der Tradition des Shambhala ist das Atmen von zentraler Bedeutung. „Beim Reiten können die Menschen erfahren, erspüren, wie ein Pferd atmet, wie sie selbst atmen und ihren Mittelpunkt finden. Hinzu kommt die Bewegung, d.h. man wird bewegt und muss sich bewegen lassen.“ Stimmt der Draht zwischen Mensch und Tier nicht, verspannt sich ein Pferd, bekommt einen harten Rücken. Das Reiten wird anstrengend.

Eine weitere Lektion – ein potentieller Aha-Effekt für verkopfte Manager mit Führungsproblemen: Die Dominanz vom Reiter sitzt nicht im Kopf, sondern im Hara, im Sexualchakra. „Das Ziel“, so der gebürtige Bremer, „heißt mühelose Dominanz, Klarheit in der Zügel-Führung und Konsequenz im Verhalten.“

Während eines entspannten gemeinsamen Ausrittes übte ich mich auf dem Andalusier „Firestone“ in Achtsamkeit, versuche die Gegenwart bewusst zu erleben, indem ich Antworten auf die Fragen finde: Wie wirst du bewegt? Was siehst du? Was riechst du? Was hörst du? Was spürst du?

Während ich alle meine Sinnes-Antennen auf Empfang stelle, merke ich, dass Firestone und ich eine immer größere Einheit bilden. Statt zwei Beinen habe ich sechs Beine – und fühle mich, obwohl erhöht, geerdet. Jetzt verstehe ich, was Thiel meinte als er sagte: „Die Stunden im Sattel sind gelebtes Leben. Alles andere rauscht vorbei, weil der Kopf mit zu vielen Gedanken beschäftigt ist.“

Schon vor dem Ausritt in den Naturpark Wildeshauser Geest, der mit seinen Eichen, Buchen und seinem Sandboden ideal für diesen Zweck ist, habe ich die erste „Kommunikations-Regel“ beherzigt: Vertrauen aufbauen. Dann fällt es beiden Seiten leichter, sich aufeinander einzulassen.

Das Pferd als Übungspartner für das tägliche Leben? Dies sei ganz im Sinne eines Kriegers, erklärt mir Thiel. „Man muss das Vertrauen des anderen erwerben, damit sich der andere – in diesem Falle das Pferd – fallen lassen kann.“

Mit Debora, seiner 29jährigen Frau, die uns mit dem gemeinsamen Baby auf dem abendlichen Ausritt begleitet, bietet Thiel die „spirituellen Selbsterfahrungskurse im Sattel“ an Wochenenden und über fünf Tage an. Wobei ein ruhiges Reiten in der Natur angestrebt wird. Ganz im Sinne des Zen – der Weg ist das Ziel. Das kann eine Stunde dauern und bis auf einen Tagesritt ausgedehnt werden.

„Wir wollen die Menschen, die zu uns kommen, langsam und behutsam zum Reiten hinführen,“ erklärt Thiel. Deshalb beginnt das spirituelle Reiten im Western- oder Wandersattel auch ganz bodenständig mit dem Führen eines Pferdes. Was die Reitweise betrifft, orientieren sich beide an Claus Penquitt, ein in Fachkreisen bekannter „Pferdeflüsterer“. Übernachtet wird in der Nähe der gemieteten Stallungen in einer Dorfpension, 30 Kilometer von Bremen entfernt.

Bisher ist die Teilnehmerzahl für die Kurse auf fünf Personen beschränkt. Das liegt zum einen an der Zahl der zur Verfügung stehenden Pferde, zum anderen ist das Konzept bewusst auf kleine Gruppengrößen ausgerichtet.

Für Debora, die gerade eine Ausbildung als Tierheilpraktikerin absolviert, und Matthias Thiel ist die vor zwei Jahren begonnene gemeinsame Arbeit mit Pferden ein Stück Realität gewordener Traum. Wie es der Zufall so will, haben sie sich passenderweise über einen Pferdetransport von zwei Andalusiern kennengelernt – einer davon war Firestone.

Vielen Dank an die Autorin Karin Walz!


4. Dezember 2013

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