Trailreiten in den Rocky Mountains


Bitterroot Ranch in Wyoming haut City Slickers aus dem Sattel!

Sechs Pferde springen im Galopp einen Hügel hinauf. Sie stürmen durch das graugrüne, kniehohe und intensiv duftende „sagebrush“, ein Salbei – Gewächs. Es bedeckt die weiten Hochebenen und die kargen Hänge der Wind River Mountains in Wyoming.

Die Reiter haben ihre Western-Hüte tief in die Stirn gezogen, schnalzen mit der Zunge, um die Pferde noch stärker anzutreiben. Ein kurzer Druck mit den Schenkeln und mit einem Satz beschleunigen sie auf Höchsttempo.

Schnaubend kommen sie alle oben an – immerhin sind wir auf einer Höhe von 2.700 Metern. Nach Luft schnappen auch die schreibtischsesselgestählten Reiter. Bayard besitzt nicht nur diese 6 prächtigen Tiere, sondern weitere 164. Der 70jährige drahtige Ex-CIA-Agent ist Chef der Bitterroot Ranch im Nordwesten Wyomings, drei Autostunden südöstlich des Yellowstone Nationalparks. Die Ranch, die aus einem Haupthaus, mehreren Blockhäusern und Stallungen besteht, liegt eingeschmiegt zwischen Erlen und Birken im Tal eines Seitenarms des Wind River.

Ringsum strecken sich Gebirgsketten mit schneebedeckten Watzmännern in den Himmel. Wir zuckeln allmählich talwärts und genießen die alpine Szenerie. Der Himmel ist so blau wie die Augen von Paul Newman. Die Gipfel der Windriver Mountains tragen noch Schneehüte. Einige verlieren ihre weiße Pracht nie. Neben uns rauscht ein Gebirgsbach ins Tal. Das Flussbett besteht aus unzähligen großen und kleinen glattgeschliffenen Steinen. Ergebnis der jahrtausendealten Erosion.

Wir durchqueren ein Erlenwäldchen. Plötzlich schnauben unsere Pferde. Ein Bär? „Nein.“ flüstert Bayard und zeigt auf eine Anhöhe. Dort zupft eine Elchkuh frisches Grün.

Nach sieben Stunden hat uns der Vorposten der Zivilisation wieder. Das vierbeinige Begrüßungskomitee wiehert. Zeichen für den Koch, den Kaffee aufzusetzen. Wir lenken die Pferde erst einmal in den rauschenden East Fork, um ihre in dem schwierigen Gelände stark beanspruchten Gelenke zu kühlen.

Der East Fork ist neben dem Bear Creek und dem Wiggins Fork einer der besten Bäche der Gegend für das Fliegenfischen. Selbstredend ist Bayard nicht nur ein guter Reiter, bei ihm kann man auch den rechten Schwung aus Unterarm und Handgelenk erlernen, um die kunstvoll gebundenen Fliegen den prächtigen Forellen direkt vor das Maul zu schleudern.

Die 18 Gäste kommen aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Österreich und der Schweiz. Ihre Blockhäuser stehen direkt am Ufer des Wildbachs. Strudel und Stromschnellen schäumen das eisige Wasser auf. Idylle pur. Schon früh auf den Beinen bzw. im Sattel sind die Wranglerinnen. Um halb sieben kehren sie schon von den Weiden zurück und treiben 20 Pferde in den Corral, die Reitpferde für die Gäste. Die acht jungen Frauen füttern, putzen und satteln die Pferde im Schichtbetrieb. Die erfahrensten von ihnen leiten die Ausritte.

So eine Art Vormann auf der Ranch ist Niki. Die 28jährige Pferdewirtin ist auf dem nächsten Ritt unser Guide. Die fünf City Slickers aus Europa folgen ihr in das Windriver – Reservat der Shoshone- und Arapaho-Indianer, eine riesige, 8.000 Quadratkilometer große Wildnis.

Wieder geht es über Stock und Stein. In der Ferne leuchten verwitterte Sandsteinfelsen rot in der Sonne. Am Fuße dieser Formation liegt unser Ziel, der Bone Lake, der Knochen-See. Niki zeigt mit der Hand nach Südwesten. Dort ragen die mächtigen Viertausender der Windriver Mountains in den Himmel, die höchsten Gipfel Wyomings. Sieben der größten Gletscher der kontinentalen USA liegen hier. Jenseits des Massivs erstrecken sich der Grand Teton und der Yellowstone-Nationalpark.

Der Weg führt weiter durch ein kleines Erlenwäldchen, wo sich gelegentlich Elche aufhalten. Wir durchqueren langsam und vorsichtig das modrige Terrain. Die Pferde bleiben ruhig. Sie haben den Elch-Test längst bestanden.

Am Bach entlang, der durch kleine Dämme zu mehreren Tümpeln aufgestaut wird, liegen abgeknickte Bäume. Die unteren Enden der Stämme sehen aus wie frisch angespitzte Bleistifte. Die Biber haben ganze Arbeit geleistet. Nach einigen Kilometern stehen wir auf einem Felsabsatz und genießen ein Natur-Gemälde, das einst – vor 150 Jahren – wohl auch die Trapper Jedediah Smith und Bill Williams aus dem Sattel gehauen hat: Das weite, grüne Windriver Valley, in dem noch bis vor 150 Jahren Zehntausende von Bisons überwinterten, liegt uns zu Füßen. Im Hintergrund klammern sich Wolken an die Eisgipfel. Wie eine Diagonale durchzieht die Schlucht des Wind Rivers das Bild.

Steilabfallende rote und rostbraune Felswände erinnern an die Canyons in Arizona und Utah. Bis zum Boone Lake ist es nicht mehr weit. Von einem See jedoch ist nichts zu sehen. Vor Jahrmillionen schon, als die Rocky Mountains sich erhoben, ist er ausgetrocknet. Dinosaurier und andere urzeitliche Lebewesen verloren ihre Badewanne und hinterließen der Nachwelt ihre versteinerten Spuren.

Natürlich liegen unter dem Sand nicht massenweisen Dino-Skelette, doch Schnecken- und Muschelgehäuse finden sich zuhauf. Ohne dass uns Indianer Beine machen müssen, legen die Quarter Horses auf dem Rückweg einen forscheren Gang ein.

Auf der Ranch ist noch längst nicht Feierabend. Zwei Schmiede hämmern und feilen, was das Zeug hält. Der eine von ihnen heißt Tom. Er ist kräftig und hat schwielige Hände im Backblech-Format. Tom schiebt seinen schweißbefleckten Stetson in den Nacken und steckt sich eine Zigarette zwischen die Lippen, natürlich von der Marke, die Freiheit und Abenteuer verspricht. Das Schöne an manchen Klischees ist, dass sie stimmen.

Vielen Dank an den Autor Klaus Karok!


4. Dezember 2013

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