Wanderreiten von der Altmark nach Rügen

Wanderreiten von der Altmark nach Rügen

Am Fronleichnamstag ging es mit Fatme, die sich diesmal erstaunlich schnell verladen ließ, in etwa fünfstündiger Fahrt in die Altmark. Bis Wolfsburg war es Autobahn, die sich zügig befahren ließ, nicht zuletzt dank des Feiertages in NRW.

Von da wies mir das neu erworbene Navigationsgerät den Weg. Nur für die letzten 2 Kilometer nach Fahrendorf hätte ich wohl besser auf Iren gehört: Noch heute staune ich darüber, dass ich ohne aufzusetzen oder hängenzubleiben mit dem schweren Gespann über diese Asphaltverwerfungen (Straße konnte man das nicht nennen!) gekommen bin.

Glücklich angekommen kam Fatme mit Wasser und Heu versorgt auf den Reitplatz, während ich Irens Hof bestaunte, den sie gerade erst übernommen hatte, ein altes Bürgermeisteranwesen, wo sie noch viel herzurichten hat.

Dann ließ ich es mir bei der Nachbarin gutgehen: Barbara servierte im Garten nicht nur Bier, Fleisch und Salat, sondern auch selbstgemachten Ziegenkäse. Das schmeckte gut, zu erzählen gab es genug, zu sehen auch, denn Irens Hof lag ins Sichtweite. Bei Barbaras Hof konnte ich von außen nur ahnen, wie viel auch hier zu tun wäre…

Am nächsten Morgen gab es bei Barbara Frühstück und anschließend eine Besichtigung der Ziegenherde. Start in der Altmark. Gegen Mittag, gepackt und gesattelt hatte ich schon länger, brach ich mit den beiden Praktikantinnen, die mir das erste Wegstück Geleit gaben, in Richtung Winterfeld auf.

Wieder gefiel mir die Altmark sehr. Ich hatte sie ja 1996 schon zu Pferde kennengelernt, wenn auch deutlich zu sehen war, dass seit der deutschen Vereinigung nun schon weitere Zeit vergangen war…

Die Richtung zu finden halfen mir der Kompass und das kleine Faltblatt der Altmarkwanderritte. Den konkreten Weg suchte ich dann nach Gutdünken aus, Umwege blieben dabei nicht erspart. Bei der Mittagsrast wurde mir schon Nachtquartier angeboten, aber ich war ja mit Lisa bei Familie Josten verabredet, die jetzt in Winterfeld wohnen und nicht mehr, wie vor 9 Jahren, in Recklingen.

Den Weg nach Recklingen fand ich mit einigen Mühen durch eine schöne Auenlandschaft (mir fällt kein besserer Ausdruck ein), dort beeindruckten mich die gelungen renovierten Hofgebäude aus der Zeit vor und nach dem ersten Weltkrieg.

In Winterfeld haben Jostens ein (selber) herrlich renoviertes Herrenhaus, große Weiden für die Pferde, dazu gibt es passende Kutschen, eine Sattelkammer mit Platz (und Duschgelegenheit!) für Wanderreiter und natürlich jede Menge Arbeit für Eltern und Kinder! Gemeinsam geht es besser.

Lisa kam mit ihrem Mann und Strolch, ihrem 5jährigen Haflinger erst nach mir an. Der Wochenendverkehr hatte es ihnen ziemlich mühsam gemacht. Unsere Pferde lernten sich auf der Weide kennen, hielten erst einmal Abstand.

Lisas Mann wollte gleich wieder zurückfahren, daher musste sie alle logistischen Fragen gleich lösen, da hatte ich es besser: Mein Wagen stand in Fahrendorf, da hatte ich allfällige Entscheidungen über meine Ausrüstung bis zum Abritt hinauszögern können!

Ein erstes Bier gegen den Durst nach der Hitze des Tages, eine herrliche Dusche, ein spätes Abendessen, erstes Erzählen nicht nur mit den Gastgebern, Planen der Route, Tipps für den Weg, eine Hochzeit in der Nachbarschaft, nächtliche Kontrolle der Pferde und ihrer Weide, eine schwüle Nacht im Reiterstübchen, früh morgendlicher Turnieraufbruch einer Hälfte der Familie, gemeinsames Frühstück mit den anderen. Lisas Mühen, alles aufs Pferd zu bringen, um anderes dann doch nach Hause zu schicken. Ein dankbarer Abschied, Einkauf beim Bäcker, viele Szenen fallen mir ein, wenn ich an Winterfeld denke!

Wir fanden unseren Weg, unseren Rhythmus, genossen die Sonne und auch den Schatten! Nachdem wir die Eisenbahn überquert hatten, ließen wir uns zur Mittagsrast am Wegesrand nieder, den Pferden schmeckte das Gras, uns Brot und Wurst. Der Schatten in der Mittagshitze ließ mich entschlummern… Was gibt es Schöneres auf einem Wanderritt?!

Später galt es Wasser für die Pferde und Bier für uns zu finden und zudem den rechten Weg, weil es, genauso wie vor 9 Jahren, manche Wege längst nicht mehr gab, auch wenn sie immer noch auf den Karten eingezeichnet waren.

Wir näherten uns dem Arendsee, dem erklärten Tagesziel. Idylle am Arendsee. Nachdem Fatme ihren Strick zerrissen und eine Begegnung mit Planwagen im Trab einige unfreundliche Kommentare zur Folge hatte, gelangten wir an diesen herrlichen See, flach wie eine Badewanne, der natürlich an diesem Samstagabend völlig überlaufen war. Aber wir führten unsere braven Pferde. Uns wiederum zeigte ein kleines Mädchen den Weg und so fanden wir ohne weitere Probleme die „offizielle Tierbadestelle“, so wie von Familie Josten beschrieben.

Das war eine Freude: Fatme planschte so doll, dass wir alle 4 nass wurden. Bei den Temperaturen nur angenehm! Die Pferde an einen Baum binden und selber noch einmal ins Wasser gehen, das war keine große Frage: herrlich warm, total flach, ins Schilf eine Schneise geschnitten, Vögel und Fische: eine wunderbare Stimmung an diesem Sommerabend!

Danach ging es 400 Meter weiter: der Fischer hatte frisch geräucherten Fisch, selbst gemachten Salat und kühles Radler. Von diesem nahmen wir noch einen Vorrat mit, als wir anschließend an die Badestelle zurückkehrten und unser Paddock in der Wiese aufbauten.

Unser Zelt war eine reine Vorsichtsmaßnahme, denn der Abend war so lau und die Sterne leuchteten so klar, dass wir natürlich im Freien schliefen. Ein Wanderreittag kann wohl nicht schöner zu Ende gehen…! Jenseits und diesseits der alten Grenze.

Am Morgen versetzten wir für unsere Pferde den Paddock. Gar zu üppig war das Gras hier leider nicht. Ein kleines Frühstück für uns, Packen, Satteln, Tränken, dann ging es weiter den Seeweg entlang, den wir am frühen Sonntagmorgen noch weitgehend für uns hatten. Als wir dann abbogen, wurden wir bald vom tiefen Wald verschluckt, dem früheren Grenzgebiet, wo wir von den neuen in die alten Bundesländer wechselten. Der frühere Grenzstreifen war zwar noch auszumachen, aber, anders als vor 9 Jahren, war er schon sehr zugewachsen. Während dieser 4 Stunden trafen wir keine Menschenseele…

In dem kleinen Örtchen Nienwalde gab es nicht nur viele Pferde, sondern der „Eichenkrug“ verfügte sogar über Anbindestangen und Paddocks. Bei uns kamen Durst und Hunger dazu, beim Wirt wirkliche Gastfreundlichkeit: Sonntagmittag um 3 Uhr kochte er uns, was unser Herz begehrte!

Der weitere Weg nach Schnakenburg führte uns durch Feld, Wald, Deichvorland und über ein Stück Bundesstraße, dann erreichten wir dieses hübsche kleine Örtchen, bis 1989 noch „Ende der Welt“.

Hier gibt es nun eine kleine Fähre, mit der wir, für Strolch und Lisa ein Neuheitserlebnis der Extraklasse, die Elbe überquerten. Der Fährmann kannte nicht einmal die Tarife, so selten kam dergleichen vor, unsere Pferde äpfelten (fast möchte ich sagen: planmäßig) und alles ging ganz unspektakulär vor sich. Die Zuschauer hatten natürlich was zu sehen und ich anschließend das Schiff zu putzen.

Nach vielen netten Worten brachen wir nun in Brandenburg auf und kamen bis zur nächsten Kneipe am Elbdeich. Dort gab es Gras für die Pferde, Bier für uns, war da nicht auch noch ein Eis? Das Wirtstöchterchen begleitete uns ein Stück hoch zu Ross (=Fatme), dann verloren wir uns (im wahrsten Sinn) in den Elbauen (= ehemaliges Sperrgebiet). Als wir wieder zum Deich zurück kamen, waren wir nicht sehr viel weiter und sehr viel klüger als vorher, hatten aber einige Hindernisse (Gräben und Zäune) überwinden müssen.

So blieben wir nicht ganz erlaubter Weise auf dem Deich, bis wir Cumlosen erreichten. Das lag elbaufwärts, eigentlich gar nicht in unserer Richtung, aber es war der einzig erreichbare Ort. Hier klingelten wir kurz vor 21 Uhr eine Bäuerin schon fast aus dem Bett, sie musste aber auch schon um 3 Uhr mit dem Melken anfangen.

Doch fanden wir bei Familie Bauch auch um diese Zeit noch freundliche Hilfe: Die Pferde kamen auf die Weide am Innendeich, wir konnten im Garten schlafen (in Sichtweite des Storchennestes), der eine Sohn stellte den Weidestrom an, der andere brachte uns noch Bier und dann wurde uns noch der Kartoffelkeller aufgeschlossen: für den Fall der Fälle. Der trat dann auch wirklich ein: zwar kam das Gewitter erst um 6 Uhr, aber es brachte einen kräftigen Wolkenbruch mit sich, da war es schon besser im harten, aber trockenen Keller weiterzuschlafen.

Es war ein eher feuchter Tag, wenn es auch lange regenfreie Abschnitte gab, aber unserer Laune und unserer Ausrüstung machte das nichts aus. Wir fanden kleine Landstraßen, die uns von der Elbe weg in unsere Richtung (+/- NO) führten. Dann galt es, einen Bahnübergang zu finden: es sei eine ICE-Strecke und die Bahn habe den Übergang „dicht“ gemacht. Wir müssten über Wittenberge oder den nächsten im Norden nehmen. In eine Stadt wollten wir nicht, also ließen wir uns den Weg nach Norden beschreiben und zogen los.

Nach einigen Umwegen hatten wir die große Niete gezogen: Auch dieser Übergang war „dicht“ gemacht worden. Wir konnten den Ort auf der anderen Seite sehen, aber zumindest mit den Pferden konnten und wollten wir kein Risiko eingehen. Im nächsten Anlauf wurden wir dann fündig: Eine Unterführung ließ uns dieses Hindernis überwinden.

Daraufhin steuerten wir den nächsten Ort an, wo wir das Wartehäuschen der Bushaltestelle in eine Campingküche verwandelten, sehr zum Staunen der später heimkehrenden Schüler. Als wir mit Kochen, Essen und Säubern fertig waren, stand immer noch ein Mädchen mit sehnsüchtig großen Augen da. Sie durfte auf Fatme sitzen, der Reiter trug ihren Tornister bis nach Hause! Sicher wird sie diesen Tag in ihrem Leben so schnell nicht vergessen!

Auch an diesem Nachmittag hatten wir wieder wunderschöne Wege unter den Pferdehufen und das Straßenpflaster ließ teilweise seine Herkunft aus der Kaiserzeit vermuten!

Als wir in Wüsten-Vahrnow auf Quartiersuche gingen, ließ es sich schon schwierig an: Die ersten Pferde, die wir fanden, gehörten anscheinend zu keinem der Nachbarhäuser. Auch sonst fanden wir niemand, den wir fragen konnten. Erst am Ortsende gab es wieder Pferde und ein junger Mann machte mit einer Sichel Kaninchenfutter. Er verwies uns an seinen Schwiegervater, der ablehnte und von einem Pferdehof im Nachbarort sprach.

So ritten wir die Dorfstraße zurück, um dann von dem jungen Mann und seiner Freundin mit kleinem Kind in einem alten BMW überholt und angehalten zu werden: Schwiegervater hat es sich anders überlegt! So ging es nun zum dritten Mal durch die Dorfstraße. Dann kamen unsere Pferde zu neugierigen Jährlingen, die sie sich aber problemlos vom Leibe hielten, auf die Weide.

Schon bald erkannten wir das Lage: Arbeitslosigkeit, familiäre Probleme und ein zu gutes Herz hatten bei dieser Familie ein ziemliches Chaos angerichtet. Der Strom war abgestellt, fürs Fernsehen lief ein Generator, die Hühner und Enten lebten im Bauschutt, der ganz Hof sah chaotisch aus und zu viele Hunde im Zwinger stanken ganz erbärmlich, so dass sich uns fast der Magen umdrehte. Wir hielten tapfer durch, konnten in der Scheune im Stroh schlafen (unser Zelt blieb also trocken!), bekamen einen Kaffee und ein Frühstück sowie die Wegbeschreibung durch die Felder zum nächsten Ort.

Wunderschöne Wald- und Wiesenwege sind mir in Erinnerung, zwischendurch mal ein paar Regenschauer, die uns abhielten, die Regensachen einzupacken, und der vergebliche Versuch, einem Jägerpfad zu folgen, der vor dem nächsten Zaun/Grabenkombination endete.

So mussten wir ein längeres Stück auf der Bundesstraße reiten, um nach Putlitz zu gelangen: Hier wollten wir die Bank plündern (mit Hilfe der ec-Karte) und den Supermarkt heimsuchen. Beides gelang zur vollen Zufriedenheit.

Putlitz zeigte sich als ein hübsches Städtchen, das aber, wie andere auch, sehr ums Überleben kämpfen muss. Lisa passte auf, dass wir die richtige Richtung erwischten, und dann waren wir beim Forsthaus wieder auf einem wunderbaren Waldweg.

Als wir bald darauf auch noch die Autobahn überwunden hatten, waren wichtige Probleme gelöst. Wunderschöne Wege mit Rehen und Füchsen führten uns nach Jännersdorf, wo sich nicht nur bei Lisa der Durst meldete. Ein Schild „Ferienhof Zum Schweinstall“ ließ uns gerade auf Bier hoffen, als daselbst ein kleines Feuerwerk hochging, das die Pferde nicht gerade erfreute.

Doch junge Leute „auf großer Fahrt“ ermutigten uns: „Wenn ihr nett fragt, kriegt ihr sicher ein Bier!“ Und so landeten wir bei Bernd, einem Lebenskünstler der Spitzenklasse: Zuerst bekamen wir einen Melissentee aus dem eigenen Garten, dann auch Bier, sowie die buntesten Erzählungen aus seinem Leben. Er war gerade erst aus Österreich zurückgekehrt (deshalb das Feuerwerk!), wo er als Kellner sein Geld für den Rest des Jahres verdient hatte.

Bis zur Euroumstellung hatte er eine Erlebnisgastronomie betrieben mit einer Unzahl an Streicheltieren, die er dann alle in der Nachbarschaft in Pflege gab, als sein Hof nicht mehr lief, weil die Leute das Geld nicht mehr so locker sitzen hatten. Er konnte so unterhaltsam erzählen, dass es nicht bei einem Bier blieb und wir schließlich wie gute Freunde Abschied von einander nahmen.

Vor uns lag ein ehemaliges Militärgelände, in dem wir uns natürlich verirrten, aber der Kompass half und so kamen wir schließlich in Wilsen an. Beim ersten Hof mit einem Haflinger hatte die alte Frau offensichtlich keine Möglichkeit, uns zu helfen. An einem sehr gepflegten Gemüsegarten die alte Gärtnerin zu fragen, half weiter (was wieder die Santiago Pilger Erfahrungen bestätigte): so fanden wir zu Herrn Semmler und seiner Familie. Er hatte nicht nur ein Pony, sondern auch Weiden.

Nachdem seine erste Überraschung überwunden war, konnten wir unsere beiden beim ihm auf die Weide stellen. Zudem bekamen sie Hafer satt, und wir selber durften uns im Wintergarten einrichten. Im Schuppen konnten wir einen alten Trabbi bestaunen, der zur Kutsche umgebaut worden war, und am Abend hörten wir viel von den Sorgen des Sohnes, der wieder einmal ohne Arbeit war, ihm hätte sicher einiges von Bernds „Lebenskunst“ gut getan.

Am nächsten Morgen brachten wir beim Frühstück dem Ehepaar ein Ständchen: sie hatten Hochzeitstag. Dankbar nahmen wir dann mit unseren Pferden, die mehr als nur satt waren, Abschied und zogen los in Richtung Karbow.

Als wir hinter dem Ort unsere 5 Minuten Rast machten, kam der Tierarzt im Geländewagen. Er war selber Reiter, hatte uns vorbeireiten sehen und wollte interessiert und sehnsüchtig nach dem Woher und Wohin fragen. Wir konnten nicht nur begeistert erzählen, sondern ihm, Mitte 50, auch raten mit dem Wanderreiten nicht bis nach der Pensionierung zu warten.

Wasser, Wald und Cowboys. In dem Wald, den wir bald erreichten, fanden wir zwar nicht alle Wege der Karte wieder, dafür gab es dann aber auch einen wunderschönen, der nicht in der Karte zu finden war, uns aber direkt nach Barkow brachte. Ein Gasthof „Futtern wie bei Muttern“ erinnerte uns an unseren Hunger, den wir bei dem kalten Wind lieber mit etwas Warmem stillen wollten.

Auf die Frage beim Wirt, ob er einen Platz zum Anbinden zweier Pferde habe, schickte er uns zum nächsten Gasthof ,weil er etwas von 2 Fähren verstanden hatte, wir waren eindeutig in einer Gegend, wo der Wassersport überwog. Dann kam er aber hinter uns hergelaufen, und im dritten Anlauf konnten wir die Pferde zerstörungssicher anbinden, sinnigerweise nah an einem brennenden Kübel.

Immer wieder erinnerte uns vieles bei der Infrastruktur an die Kaiserzeit, so auch der Bahnhof in Zarchlin. Dann gelangten wir wieder in ein riesiges Wald- und Seengebiet, umrundeten eine Kaserne, standen vor der verschlossenen Wirtschaft eines Campingplatzes, wahrscheinlich hätten wir die Camper selber nach Bier fragen sollen, aber das fiel uns erst hinterher ein.

Zur Abendzeit landeten wir am Forsthof von Bossow bei einer netten Försterin, die uns mit Sack und Pferden direkt zu den Schafen auf die Weide schickte.

Abends fand sich nicht nur der Förster ein, sondern auch die Nachbarsfamilie, deren Oberhaupt sich als waschechter Cowboy präsentierte, ein Lagerfeuer entzündete, „Trapperstühle“ hervorholte (2 Bretter, die zusammengesetzt eine bequeme Sitzgelegenheit ergeben) und schnell fanden sich genug Geschichtenerzähler und Hörer beiderlei Geschlechts dort zusammen. Da nur Lisa und ich am nächsten Tag nicht arbeiten mussten, waren wir gegen Mitternacht die einzigen, die den Niedergang des Feuers noch bewachten.

Das Frühstück auf dem Holzstapel konnten wir sogar bei Sonnenschein einnehmen, dann wurde der Aufbruch vorbereitet, und mit herzlichem Dank für die Gastfreundschaft brachen wir den beschriebenen Weg zum Badesee auf, dort ging es mit den Pferden wieder ins Wasser, nur war es kein so schön warmer Tag wie am Arendsee.

Hinter Alt Sammit ließen wir uns von der Markierung „Reitweg“ leiten, der wir dann aber nur mit viel List und arger Mühe und einem Umweg um ein riesiges Getreidefeld herum wieder entkommen konnten, sonst hätte sie uns im Kreis geführt.

So gelang es uns, den Kurort Krakow am See zu umgehen, aber unser Vorankommen an diesem Vormittag war recht bescheiden und der Ritt am Straßenrand der Uferstraße zog sich wie Kaugummi hin. Als wir dann zur Mittagsrast in den Wald ausweichen konnten, überfielen uns erst einmal die Mücken.

Doch die nachmittägliche Strecke war abwechslungsreich, bergauf, bergab, teilweise im Regen, Begegnung mit einer Kutsche auf Trainingsfahrt, Überquerung der Autobahn nach Rostock, ein Bier in Lübsee, verbunden mit einer Runde Klönen, Einkauf in Lalendorf (aber auch hier bekam ich keine Batterie für den Fotoapparat), Überwindung der verschiedenen Eisenbahnlinien.

In Wattmannshagen waren wir der Meinung, dass der Reittag eigentlich lang genug war und als uns Pferde von einer Koppel zuwieherten, machten wir uns ernsthaft auf die Suche nach Pferdeleuten: so landeten wir auf dem Gelände der ehemaligen LPG, das Herr Krause gekauft hat und in vielen kleinen Schritten in einen Reitstall umbauen will.

Der junge Mann half uns persönlich die Pferde einzuzäunen und erzählte dabei von Erfolgen und Problemen, die er so hatte, dann versorgte er mit seiner Freundin die eigenen Pferde, während wir es uns im Stroh gemütlich machten. Dann eröffneten wir draußen unsere Campingküche, unter großer Anteilnahme der zahlreichen Katzen.

Am nächsten Morgen kam Herr Krause extra später als sonst zum Stall, doch wir waren schon beim Satteln der Pferde. Dankbar verabschiedeten wir uns und wünschen ihm für seine Pläne viel Erfolg und denken, dass er mit seiner Tatkraft gute Chancen hat!

Der Tag wurde wieder wärmer, unsere Karten dafür schlechter, so dass wir manchen Kilometer am Straßenrand machen und in der Sonne schwitzen mussten. Das machte Durst. Wasser für die Pferde, die das gar nicht wollten, und Bier für die Reiter die das aber umso mehr wollten, fanden wir bei einem netten Reitlehrer, dessen Hof am Weg lag.

Unseren nächsten Durst konnten wir dann im nächsten Dorf (Tellow) stillen: Dort gab es das Thünen Museum, ein Museumsdorf, das viel von alten Lebens- und Arbeitsweisen zu vermitteln sucht. Hier machten wir eine lange Pause und ließen es uns gut gehen. Damit unsere Pferde nicht zu kurz kamen, machten wir dann noch einmal eine Fresspause für sie, dabei wurden alle sehr von den Mücken geplagt.

Dass an diesem Tag der Wurm drin war, merkten wir wieder, als wir in Vietschow die falsche Abzweigung wählten und dann mitten in der Botanik standen. Wieder fielen Unmengen von Mücken über uns und die Pferde her… Schließlich in Rensow angekommen, nahmen wir freiwillig die Landstraße, um Dalwitz zu erreichen, wo es, nach Lisa, einen Reitstall gäbe. Am Reitplatz fanden wir einen alten Bekannten: Unseren Reitlehrer vom Morgen, der lachend meinte, sehr weit seien wir nicht gekommen. Wo er Recht hat, hat er Recht…

Auf dem Hofgut durften wir unseren Paddock und unser Zelt aufbauen, noch einmal kam der Wurm: Wir stellten gerade die Pferde ins Paddock, als wir ein riesiges Eisenstück entdeckten, das sich nicht aus der Erde bekommen ließ, also musste der Paddock nebenan noch einmal ganz neu aufgebaut werden.

Dann aber gab es ein leckeres Abendessen und eine gemütliche Runde vor der gutseigenen „Tenne“. Die Nachtruhe wurde durch das nächtliche Gewitter und den damit verbundenen Regen empfindlich gestört: Da das Zelt am Hang stand, konnte der Regen zwar gut abfließen, aber mein Schlafsack ist nicht mehr so ganz dicht und so konnte ich auch im Schlaf den Wasserstand ermitteln. Doch irgendwann hört der Regen auf und ich schlief weiter.

Dann brachen mit dem neuen Morgen die letzten gemeinsamen Stunden an: Lisa sollte gegen Mittag von ihrem Mann abgeholt werden, ich wollte ja noch bis Rügen weiterreiten. Ein gemeinsames Frühstück in der Tenne, Sortieren des Gepäcks, ein Einkauf im Tante Emma Laden, ein Stündchen gemeinsamen Reitens, für Lisa schon ohne Gepäck: Dann hieß es mitten in der Landschaft Abschied nehmen für Menschen und Tiere… Es war nicht leicht, in einer Woche wächst man doch zusammen!

Nun hatte ich mir vorgenommen, Strecke zu machen, und das gelang mir auch ganz gut. Ein fernes Rauschen erinnerte mich daran, dass irgendwo hier die neue A 20 lang führen müsse, die in meinen Karten noch nicht eingezeichnet war. Doch das stellte sich nicht als Problem heraus: Es gab auch für meinen kleinen Feldweg eine neue Brücke über die Autobahn… Ein ganzes Stück verlief meine Route ziemlich parallel zur Autobahn, was ziemlich störend war, ein Versuch die Landstraße zu verlassen, führte in die Botanik, brachte aber zumindest etwas Abwechslung…

Von Böhlendorf nach Langsdorf gab es dann einen Feldweg, der mir ganz allein gehörte. Dann wieder Bundesstraße, die bald noch den Verkehr der A 20 aufnehmen musste, da die Brücke über die Trebel noch nicht fertig war. Landschaftlich wunderschön empfand ich dieses Tal der Trebel, über das mich die Bundesstraßenbrücke führte, verfolgt von vielen Augenpaaren, die in den Autos an uns vorbeifuhren. Sicher würde es sich lohnen hier mal mit Muße das Tal zu Pferd zu erkunden…

Hinter der Brücke konnte ich zwar den Hauptverkehr hinter mir lassen, aber es ging bis Tribsees weiter an einer großen Straße lang. Vor dem alten Stadttor von Tribsees entdeckte ich einen Radfahr-Wegweiser nach Stralsund (< 40 km). Nicht lang gezögert und ich ritt durch die Altstadt, die stark durch den Unterschied zwischen schön renovierten und sehr baufälligen Häusern geprägt ist. Hinter der Stadt folgte ich einfach dem Radweg, der erst kurz vor der Bundesstraße eine eigene Trasse fand: eine frühere Eisenbahnstrecke vermutlich. Von der Zeit her hätte ich noch gut und gerne weiterreiten können, doch mit einem Mal kam von einem schwarzen Himmel her ein Wolkenbruch nieder, der mich in Rekentin nach Unterkunft suchen ließ: Alte Leutchen unterm Zeltdach beim Grillen verwiesen mich auf die Kastanienallee vor dem alten Schloss. Hier fand ich bei Familie Gündel unkomplizierte spontane Aufnahme und in Herrn Gündel das Gegenstück zum Cowboy von Bossow: Er ist mit Leib und Seele Indianer. Hinterm Haus liefen seine 3 Pferde, mit denen Fatme sich im Laufe einer Nacht sehr anfreundete, standen seine Tippis bzw. die Materialien dafür, gab es imposante Bäume ... und er konnte erzählen, bis in die Nacht hinein, auch von den schwarzen Vögeln, die tanzen. Es war ein spannender Abend, zu dem ich mir Lisa hinzugewünscht habe. Am Morgen gab es die Möglichkeit einer Dusche und nach dem Sonntagsfrühstück ging es dann den Fernstrecken-Rad-Weg weiter, der nur wenig Abwechslung, aber zunehmenden Radfahrer- und Inliner-Verkehr bot. Entsprechend den Tipps vom "Indianer" wählte ich eine Umgehung von Stralsund, um möglichst direkt zum Rügen-Damm zu kommen. Dabei gab es dann noch eine schöne Teilstrecken und schließlich nur noch Vorstadt, durch die ich Fatme dann führte. Am Damm endlich angekommen, war er gerade turnusmäßig zwecks Durchfahrt der Schiffe gesperrt. Das bedeutete eine Fresspause für Fatme ... Anschließend gab es ein "Schaulaufen" an einer schier endlosen Auto-Schlange entlang, die alle Richtung Festland strebten. Endlich auf Rügen nutzte ich die erste Möglichkeit, den Damm zu verlassen, da ich ja ohnehin in den Süd-Osten der Insel wollte. Mit Freude nahm ich die erste Rügener Allee unter die Hufe. Weniger froh war ich über den gelegentlich recht riskanten Fahrstil der Autofahrer. So bog ich bei nächster Gelegenheit auf einen Radweg ein, der sich als Inselrundweg entpuppte und genau das Richtige für Fatme und mich war. Fast am Weg lagen dann die Weiden von Familie Droschinski, wo ich abends Fatme unterstellen, und bei der ich selber in der Ferienwohnung schlafen durfte. Per Handy erfuhr ich, dass meine Freunde aus dem Eichsfeld in Fahrendorf angekommen waren und am nächsten Tag mit meinem Wagen und dem Hänger nach Rügen kommen würden. Der Rest ist schnell erzählt: Vom Gasthof zur Linde in Middelhagen aus (empfehlenswert), haben wir in den 3 nächsten Tagen einiges von Rügen entdeckt: Rasender Roland, Binz, Kreidefelsen, Saßnitzer Hafen, Bergen, Schulmuseum, Mönchgut, Schwimmbad in Sellin und zum guten Schluss noch ein Ausflug zur Insel Hiddensee. Zwischendurch reichte für mich die Zeit noch zu einem kleinen Ausritt mit Fatme, die das Gras und die Ruhe am Seeufer von Neuensien auch zu genießen schien. Wir waren uns alle einig: Rügen ist eine Reise wert und auch einen Ritt und so Gott will war es nicht der letzte Besuch dort. Zudem war es preiswerter als erwartet! Mit Fatme im Hänger ging es erst ganz gemütlich durch die Rügener Alleen, später schneller über die neue A 20, dann die A 19, und schließlich wieder langsamer über die Bundesstraßen in die Altmark. Dort beendeten wir die gemeinsamen Tage mit einem leckeren Abendessen in Dähre, bevor wir dann am nächsten Morgen Abschied nahmen und auf verschiedenen Weg in die jeweilige Heimat fuhren. Hier bin ich mit Fatme gut angekommen und der Alltag hat uns gleich wieder eingeholt. Doch manchmal träumen wir noch von dieser weiten Landschaft, der Sonne und dem rauhen Wind und dann freuen wir uns schon auf den nächsten Wanderritt!!!


27. November 2013

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