Williams-Family-Guest-Ranch

Williams Family Guest Ranch, Wyoming

Ein außergewöhnliches Highlight

Es ist Sonntag, 10:30 Uhr in Las Vegas. Wir haben Las Vegas über die Sierra Nevada erreicht und fahren heute weiter über den Grand Canyon nach Arizona, wo wir eine Ranch besuchen werden. Von Las Vegas telefoniere ich mit Carroll Williams. Sie bewirtschaftet zusammen mit Ihrem Mann Roy und dem Enkelsohn Rob Roy die Ranch.

Hier gibt es nur ein Funktelefon und die Leitung ist sehr schlecht. Ich kann Carroll kaum verstehen und muss mehrmals Nachfragen. Dennoch schaffen wir es, uns auf einen Treffpunkt zu verständigen.

Dienstag um 10:00 Uhr in Wickenburg. Das ist eine typisch amerikanische Rancherstadt. Wo man hinsieht, grasen Cattles und Pferde, eine Ranch nach der anderen. Man sieht fast nur große Pick-Ups.

Bis hierher war das Wetter durchwachsen, meist sonnig. Dienstag früh ist der Himmel schwarz vor Wolken. Wir treffen Carroll wie vereinbart an. Sie fährt mit einem großen roten Pick-Up vor, im Fenster ein kleines Schild „The Williams-Family-Guest-Ranch“, daher erkennen wir sie sofort.

Sie trägt ein langes Outback-Coat und einen schwarzen Hut, um sich vor dem Regen zu schützen. Ich gehe auf sie zu und begrüße sie, wir sind uns gleich sympathisch. Während wir noch einen Kaffee trinken, erzählt sie uns von der Ranch, den Quarter Horses und den Boys, die bei der Rancharbeit helfen.

Inzwischen regnet es in Strömen und wir sind nicht sicher, ob wir überhaupt reiten können. Der Weg zur Ranch ist unbeschreiblich holprig. Er ist nur 17 Meilen lang. Trotzdem dauert die Fahrt etwa 1 Stunde. Carroll zeigt uns alte Gold- und Silberminen, eine kleine „Geisterstadt“ und sie erzählt uns die entsprechende Geschichte dazu.

Die Landschaft besteht aus steilen Hügeln mit Büschen, Kakteen und wenig Gras bewachsen. Ein Coyote kreuzt unseren Weg, der durch den Regen teilweise etwas überschwemmt ist. Der Pick-Up muss harte Arbeit leisten, um Steine, Steigungen, Gefälle und schlüpfrigen Sand zu bewältigen.

Die Williams-Ranch ist, gemessen an den anderen Ranches, eher klein. Sie hat ca. 110 Cattles und ca. 20 Quarter Horses, davon 2 Hengste. Da der Boden hier nicht allzu viel wachsen lässt, erklärt Carroll, kann man nur eine bestimmte Menge Cattles ziehen.

Eine Ranch von ihrer Größe bringt nicht genug ein, daher muss ihr Mann Roy vier Tage in der Woche in Prescott arbeiten. Prescott ist eine etwas größere Stadt, 1 Stunde von Wickenburg entfernt. Diese Tage verbringt er bei der Tochter, am Wochenende wartet Ranchwork auf ihn. Idealismus pur, diese Familie tut alles für ein Leben auf der Ranch.

Das Ranchhaus ist klein, ebenso das Bunkhouse, welches Rob Roy mit den Boys bewohnt und wo auch die Gäste untergebracht sind. Die Einrichtung beider Häuser ist einfach, zweckmäßig und sehr urig, mein Mann und ich fühlen uns gleich wohl. Eine Solaranlage versorgt die Ranch mit Strom.

Während wir uns nach unserer Ankunft ein wenig einrichten und Carroll Lunch bereitet, machen die Boys die Pferde fertig. Am frühen Nachmittag hat der Regen etwas nachgelassen, Rob Roy bringt die Pferde und endlich geht es los. Für mich ist dies der erste Ritt auf einem Quarter Horse, und ich bin erstaunt, wie leichtrittig diese Pferde sind.

Die Unwegsamkeit des Geländes ist für mich schier unfassbar, vor allem, wie spielend und sicher die Pferde dieses Gelände durchqueren. Ob große Steine, tiefe Risse und Furchen, Sand oder Bäche, steile Hänge, die Pferde zeigen keine Spur von Scheu oder Unsicherheit.

Hier ist man ohne Pferd verloren. Zu Fuß kommt man, wenn überhaupt, nur sehr langsam und mühsam voran, mit einem Gefährt schon gar nicht. Ich sehe mich um, das Land ist von einer grenzenlosen Schönheit beseelt, zaghafte Sonnenstrahlen brechen sich im Wasser auf den Büschen und in den Bächen. Wir genießen diesen Ritt, den wir zu Hause in der Form nie erleben könnten.

Wieder auf der Ranch helfe ich beim Absatteln und schlendere durch den Matsch zum Ranchhaus, wo Carroll das Abendessen vorbereitet. Während sie kocht, erzählt sie von der Arbeit auf der Ranch, den Gästen und natürlich von den Pferden. Sie züchten und trainieren ihre Pferde selber.

Die Arbeit ist ohne Pferde nicht zu bewältigen. Die Rinder müssen zum Brennen aus den Hügeln getrieben werden. Manchmal kommen selbst die Pferde nicht mehr weiter, dann müssen die Hunde die Rinder zusammentreiben. Die Pferde werden auch für die Arbeit an den Zäunen gebraucht. Die hierfür benötigten Materialien wären ohne Pferde in diesem Gelände nicht zu transportieren.

Am nächsten Morgen strahlt die Sonne von einem tiefblauen Himmel herab. Zum Frühstück gibt es Pancakes. Carroll macht besonders viele, weil auch die Hunde sich darüber freuen. Nach dem Frühstück satteln wir die Pferde. Heute reite ich Twister. „The best cutting-horse at the ranch!“, sagt Rob Roy. Als wir losreiten stelle ich fest, dass Twister sehr aufmerksam und schnell in Reaktion und Bewegung ist.

Rob Roy zeigt uns eine alte Silbermine, die bis in die 30er Jahre noch betrieben wurde. Wir machen kurz Rast und sehen uns interessiert um. Wieder unterwegs, sehe ich die Hunde weit voraus ein Ziel verfolgen. Wir sehen eine Herde Bergrehe, die sich in alle Winde verteilt. Die Hunde natürlich hinterher. Alles Rufen von Rob Roy hilft nicht. Drei der Hunde sind auf und davon. Da gibt Rob Roy einen Schuss ab, eine Weile später tauchen die Hunde wieder auf und wir können weiter. Ein Procedere, wie es bei uns undenkbar wäre.

Rob Roy zeigt uns die Quelle, die die Ranch mit Wasser versorgt. Ich frage, ob sie niemals austrocknet, immerhin misst der Sommer an die 40°C. Er antwortet, dass die Quelle im Sommer immer noch 1 Gallone Wasser in einer halben Minute bringt. Genug für Mensch und Tier.

Zurück auf der Ranch möchte ich Twister gerne ausprobieren. Rob Roy stellt drei Tonnen auf zum Barrel-Race. Die erste Runde macht er. Dann bin ich dran. Twister legt sich eng in die Kurve. Er galoppiert ruckartig an, ich muss mit der Hand ans Sattelhorn, um nicht aus dem Sattel zu fallen. Zuletzt galoppiere ich noch ein paar Runden. Ich bin begeistert von diesem Pferd, will ihn am liebsten mit nach Hause nehmen.

Nach dem Absatteln wundere ich mich darüber, dass es möglich ist, die Pferde auf der Ranch völlig frei laufen zu lassen. Rob Roy erklärt mit, dass die Fütterungszeiten genau eingehalten werden und die Pferde spätestens dann zum Korral zurückkommen. Lediglich die Hengste werden extra in sehr großen Paddocks gehalten. Welch herrliche Freiheit für die Tiere.

Wir haben hier erlebt, wie eine kleine Ranch in den Staaten heute bewirtschaftet wird. Die Rancher haben keine Reichtümer, die Unterkünfte sind keine Luxusloggen, sind keinem Tourismus angeglichen. Gerade das und der Idealismus dieser aufgeschlossenen und herzlichen Familie macht einen Aufenthalt bei ihnen zu einem unvergessenen Erlebnis.

Vielen Dank an die Autorin Sabine Jacobs!


4. Dezember 2013

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